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Coronavirus:Hoffnung auf länger wirksamen Impfstoff gedämpft

Covid-19-Infektion bedeutet wohl nicht automatisch Immunität

Nach einer Corona-Infektion lassen sich in der Regel über Bluttests Antikörper gegen das Virus nachweisen.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Bluttests der ersten Corona-Patienten zeigen ein deutliches Absinken der Anzahl von neutralisierenden Antikörpern im Blut.

Von Christina Kunkel

In Schwabing sind sie Corona-Pioniere, könnte man sagen. Dort waren Ende Januar in der München-Klinik zum ersten Mal Ärzte in Deutschland mit Patienten konfrontiert, die sich mit dem neuen Erreger Sars-CoV-2 angesteckt hatten. Bei keinem der Betroffenen, die aus dem ersten Infektionscluster rund um die Firma Webasto stammten, nahm die Krankheit einen sehr schweren Verlauf. Dennoch kommen die Genesenen seither regelmäßig zur Blutabnahme ins Schwabinger Krankenhaus. Die Ergebnisse der Bluttests geben Wissenschaftlern wichtige Hinweise zum Immunstatus der Genesenen - und zur Wirksamkeit, die eine Impfung bieten könnte.

Nach den jüngsten Untersuchungen der genesenen Covid-19-Patienten in Schwabing bestätigt Clemens Wendtner, Chefarzt der dortigen Klinik für Infektiologie, nun Hinweise aus anderen Studien:"In vier der neun Patienten sehen wir sinkende neutralisierende Antikörper in einem sehr speziellen Test, der nur in einem Hochsicherheitslabor erfolgen kann." Ähnliches hatten auch chinesische Wissenschaftler im Fachmagazin Nature Medicine beschrieben und besonders auf die Unterschiede zwischen symptomlos Infizierten und Menschen mit Symptomen verwiesen. In ihrer Untersuchung war nach drei Monaten der Antikörperspiegel von 40 Prozent der asymptomatischen Virusträger auf ein nicht mehr nachweisbares Level gesunken, in den symptomatisch Erkrankten war das immer noch bei 13 Prozent der Fall.

Auch in Wien berichteten vergangene Woche Forscher von einer bislang nicht publizierten Antikörperstudie, die sie an 1650 Beschäftigten eines Unternehmens durchgeführt hatten. Die Wissenschaftler testeten mit vier verschiedenen Verfahren die genaue Art der Immunantwort von Personen, die mit dem neuartigen Coronavirus infiziert waren. Laut Studienleiterin Ursula Wiedermann-Schmidt wies nur knapp die Hälfte der positiv Getesteten schützende Antikörper auf. Auch in dieser Untersuchung fanden die Forscher Hinweise darauf, dass symptomatisch Erkrankte eher eine messbare Immunantwort aufbauen als asymptomatisch Infizierte.

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So verdichten sich die Hinweise, dass eine durch Antikörper vermittelte Immunität nach einer Corona-Infektion nicht dauerhaft anhalten muss. Das könnte auch Folgen für die Schutzdauer einer möglichen Impfung haben. Der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner formuliert es vorsichtig: "Inwieweit dies Auswirkungen für die Langzeitimmunität und die Impfstrategien hat, ist derzeit noch spekulativ, muss aber im weiteren Verlauf kritisch beobachtet werden." Es gebe Hinweise, dass nach durchgemachter Krankheit eine Neuansteckung möglich sei. Das muss zwar nicht heißen, dass ein Impfstoff, sobald er zur Verfügung steht, unwirksam sein wird. Es kann jedoch bedeuten, dass der Impfschutz nach einer gewissen Zeit wieder aufgefrischt werden muss - so, wie es bei anderen Erregern auch nötig ist.

Antikörperstudien sind vorerst mit Vorsicht zu deuten

Laut Clemens Wendtner ist für die Langzeitimmunität zudem neben der Antikörper-vermittelten Immunität auch die sogenannte T-Zell-Immunität relevant. Wenn Patienten neutralisierende Antikörper verlieren oder gar nicht erst ausgebildet haben, könnte diese Immunität eventuell einen Schutz bieten. T-Gedächtniszellen sind in der Lage, virusinfizierte Zellen zu erkennen und gezielt abzutöten.

Genau darin liegt eine Hoffnung abseits der neutralisierenden Antikörper. Neue Untersuchungen des schwedischen Karolinska Institutet und des Karolinska University Hospital zeigten zuletzt, dass viele Menschen mit mildem oder asymptomatischem Covid-19-Verlauf eine derartige T-Zell-vermittelte Immunität gegen das neue Coronavirus aufweisen, auch wenn sie nicht positiv auf Antikörper getestet wurden. Laut den Forschern bedeutet dies, dass die Immunität in der Bevölkerung wahrscheinlich höher ist, als Antikörpertests vermuten lassen. Der Artikel ist auf dem bioRxiv-Preprint-Server verfügbar und wurde zur Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift eingereicht.

Und wenn es nicht gelingt, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln? Dann bliebe wohl nur eine möglichst langsame Durchseuchung der Bevölkerung. Es stellt sich aber auch angesichts der neuen Erkenntnisse die Frage, ob und wie sich diese denn feststellen lässt, wenn Erkrankte entweder kaum Antikörper bilden oder diese nach kurzer Zeit wieder verlieren. Ergebnisse aus Antikörperstudien sind daher bis auf Weiteres wohl vorsichtig zu interpretieren - so auch die neuesten Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Dort wurden bei der Untersuchung von 12 000 Blutspenden nur bei 1,3 Prozent der Spender Antikörper gefunden. Was das für die tatsächliche Durchseuchung in Deutschland heißt, bleibt offen.

© SZ/cku

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