bedeckt München 25°

Coronavirus:Stellvertreterdiskussion um ein Labor

People stand next to overflowing section of Yangtze River following heavy rainfall, in Wuhan

Wuhan knapp ein Jahr nach Beginn der Pandemie.

(Foto: CHINA DAILY/VIA REUTERS)

Die Frage nach dem Ursprung von Sars-CoV-2 darf nicht die Debatte um die vielen Fehler im Umgang mit der Pandemie verdrängen.

Kommentar von Berit Uhlmann

Wie nur hat der ganze Schlamassel begonnen? Entstammt Sars-CoV-2 der Wildnis, einer Farm, einem Markt oder vielleicht doch einem Labor? Es ist verständlich, dass die Öffentlichkeit brennend an dieser Frage interessiert ist. Und ja, es wäre nützlich, Antworten zu haben. So könnten die Bedingungen, unter denen alles seinen Anfang nahm, analysiert und womöglich künftig vermieden werden. Das gilt im Übrigen längst nicht nur im Hinblick auf die Hypothese vom Laborunfall. Das massive Vordringen des Menschen in unberührte Wildnis, eine katastrophal rücksichtslose Massentierhaltung, der illegale Tierhandel, mangelnde Hygiene - das alles sind Zutaten, die die Entstehung neuer Krankheiten begünstigen. Gelänge der Nachweis, dass diese Faktoren an der aktuellen Pandemie beteiligt waren, würden die Gefahren vielleicht endlich ernster genommen.

Und doch ist es gut möglich, dass sich der Ursprung der Corona-Pandemie nie sicher wird bestimmen lassen. Dass die aktuell so vehement geführte Diskussion um den Startpunkt der Seuche letztlich ins Leere führt. Und - noch viel schlimmer - dass sie jene dringend nötige Debatte darüber verdrängt, was alles schieflief, nachdem das Virus in die Welt gekommen war.

Denn Fakt ist, dass trotz unablässiger Warnungen kaum ein Land auf eine weltumspannende Epidemie vorbereitet war. Mit Glück hatten Regierungen einen Pandemieplan in der Schublade, doch fast alle Staaten zögerten viel zu lange, diesen auch in Kraft zu setzen. Es gab politische Oberhäupter, die so gut wie gar nichts zum Schutz ihrer Bevölkerung unternahmen. Eine globale Führung fehlte, nationalistische Interessen setzten sich immer stärker durch. Wissenschaft bekam längst nicht immer das Gehör, das ihr gebührte. Die ohnehin unterfinanzierte und immer wieder angegriffene Weltgesundheitsorganisation beging Fehler, vor allem in der Kommunikation, die das Vertrauen unterminierten. Vielerorts wurden die Menschen nicht ausreichend in den Kampf gegen das Virus einbezogen. Es hätte Chancen gegeben, das enorme Ausmaß an Leid zu verhindern. Sie verstrichen ungenutzt, weil die Welt es vorzog, erst mal abzuwarten und dann inkonsistent zu taktieren - und auf diese Weise immer neue Krankheitswellen ermöglichte.

Diese Fehler und Versäumnisse sind bereits untersucht. Kommissionen und wissenschaftliche Studien haben längst Lehren daraus gezogen. Vorschläge für eine bessere Pandemievorsorge liegen also auf dem Tisch. Doch die große Debatte darüber lässt auf sich warten. Dabei wäre es hilfreicher, all die vielen Stellen genauer anzuschauen, an denen Fehler begangen wurden, statt Blick und Finger allein auf ein Labor zu richten. Es wäre sehr viel zielführender, sich den bereits gut begründeten Lektionen aus der Pandemie zu widmen, anstatt sich in Spekulationen über den Ursprung zu erschöpfen. Nur so können künftige Gesundheitsbedrohungen abgewendet werden.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Corona in Afrika: Tansanias Präsidentin Samia Suluhu Hassan mit Atemschutzmaske bei einem Staatsbesuch

SZ PlusCorona
:Wir impfen nicht

Drei Länder in Afrika haben für ihre Bevölkerung bisher keine Impfstoffe bestellt. Dazu zwingen kann man sie wohl nicht. Die Impfverweigerung hat Konsequenzen für die eigene Bevölkerung - aber auch für den Rest der Welt.

Von Bernd Dörries

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB