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Corona:Viele Gesundheitsämter wissen nicht, wie ansteckend Infizierte sind

PCR-Tests mit Rachen- und Nasenabstrich gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus (Covid-19) im Rathaus von Korop

Der PCR-Test ist sehr sensitiv und lässt kaum Infizierte unentdeckt - darunter aber auch viele, die längst nicht mehr ansteckend sind.

(Foto: Sotiris Dimitropoulos via www.imago-images.de/imago images/ANE Edition)

Meist kümmern sich die Beamten nicht um entsprechende Laborwerte - obwohl diese helfen könnten, Superspreader zu identifizieren.

Von Christina Berndt und Markus Grill

Der Test, mit dem Menschen bundesweit auf das Coronavirus getestet werden, hat einen großen Vorteil, der zugleich ein Nachteil ist: Dieser PCR-Test ist sehr sensitiv. Das bedeutet, dass er - wenn bei der Probenentnahme und im Labor alles korrekt läuft - kaum einen Infizierten unentdeckt lässt. Die hohe Sensitivität führt aber zugleich dazu, dass zahlreiche Menschen ein positives Testergebnis bekommen, obwohl die Infektion bei ihnen schon so lange zurückliegt, dass sie kaum noch Viren im Körper haben. Sie können deshalb niemanden mehr anstecken, eine Quarantäne ist somit sehr fragwürdig. Doch in der Praxis spielt dies kaum eine Rolle.

Dabei könnten die Testlabore sehr wohl eine Aussage darüber treffen, wie viele Sars-CoV2-Viren ein Patient in sich trägt: Den entscheidenden Hinweis auf die Viruslast gibt der Ct-Wert ("Cycle threshold"). Er zeigt an, wie viele Runden die PCR-Methode angewendet werden muss, bis sich das Virus nachweisen lässt: In jedem PCR-Zyklus wird das Viruserbgut, das in einer Probe enthalten ist, vermehrt; je weniger Viren vorhanden sind, desto mehr Zyklen werden benötigt, bis das Erbgut so angereichert ist, dass es als Virusnachweis taugt. Je weniger Viren also im Körper sind, desto größer ist der Ct-Wert.

Wie hoch ist der Anteil von Testergebnissen mit einem Ct-Wert von mehr als 30 in Deutschland?

Bei einem Patienten mit vielen Viren im Körper schlägt der Test häufig nach 10 bis 15 Runden an, sagen Labormediziner. Wenn die PCR aber mehr als 30 Runden braucht, um genügend Viruserbgut zusammenzuhaben, ist ein Patient sehr wahrscheinlich nicht mehr ansteckend. Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt auf seiner Website etwas verklausuliert, "dass der Verlust der Anzüchtbarkeit in Zellkultur" mit "einem Ct-Wert größer als 30" einhergehe. Das heißt, aus den Proben von Menschen mit einem Ct-Wert von mehr als 30 lässt sich im Labor kein Virus mehr vermehren.

Doch die Labore stoppen ihre PCR-Analysen nicht bei einem Ct-Wert von 30, sondern in der Regel erst bei 37 oder 40, wie Uwe Dittmer erläutert, Vizepräsident der Gesellschaft für Virologie und Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Essen. Dadurch erhalten zahlreiche Infizierte trotz vernachlässigbarer Virenzahl in ihrem Körper ein positives Testergebnis. Der Epidemiologe Michael Mina von der Harvard-Universität hatte deshalb vor wenigen Tagen in der New York Times dafür plädiert, den Ct-Grenzwert auf 30 festzulegen. Die Zeitung hatte berichtet, dass bis zu 90 Prozent der PCR-Tests aus Nevada, Massachusetts und New York so hohe Ct-Werte haben, dass die Patienten kaum noch infektiös sind.

So hoch ist der Anteil von Testergebnissen mit einem Ct-Wert von mehr als 30 in Deutschland vermutlich nicht. In den USA würden Proben häufig nicht im tiefen Rachen genommen, sagt der Virologe Dittmer, sondern nur mit Speichel; dort finden sich aber weniger Viren. Beim Laborverbund LADR mit Sitz in Schleswig-Holstein hatten 49 Prozent der 963 positiven Testergebnisse seit Ende Juli einen Ct-Wert über 30, teilt dessen Geschäftsführer Jan Kramer mit, der zugleich Vorstand des Verbands Akkreditierte Labore in der Medizin ist. Darin seien auch Nachtestungen und Verlaufskontrollen enthalten, die in der Regel weniger Viren enthielten als die Proben am Höhepunkt der Infektion.

Von den Ct-Werten erfahren die Gesundheitsämter aber meistens nichts - und viele kümmern sich auch nicht darum, wie Recherchen von NDR, WDR und SZ zeigen. Die Ämter wissen also in der Regel nicht, wie infektiös ein Mensch ist, der positiv getestet wurde. So teilt das Gesundheitsamt Köln auf Anfrage mit, dass es "nur in Einzelfällen nach medizinischer Indikation" den Ct-Wert erfahre. Auch Dortmund und Leipzig bekommen keine Ct-Werte. Das Amt in Lübeck erhält immerhin die Angabe, ob der Test positiv oder nur schwach positiv ausgefallen ist. In München teilen laut Gesundheitsamt manche Labore den Wert mit, andere nicht.

Dagegen erhält Wiesbaden "immer mehr Laborbefunde mit Ct-Wert". Und das Gesundheitsamt Schwerin hat bereits bei zwei Patienten aufgrund hoher Ct-Werte in Absprache mit dem Labormediziner "eine Befreiung aus der Quarantäne" vorgenommen, wie eine Sprecherin der Stadt erklärt.

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Das RKI macht Ämtern und Laboren keine Vorgaben zum Ct-Wert

Auf eine solche Zusammenarbeit von Laboren und Ämtern baut das RKI. Das Institut geht "davon aus, dass die Laboratorien bei fraglichen Ergebnissen das weitere Vorgehen mit dem Gesundheitsamt klären", teilt es auf Anfrage mit. Das RKI hält den Ct-Wert sehr wohl für "ein analytisches Detail, das die Interpretation des Testergebnisses unterstützt", auch wenn dieser nur ein Faktor in der Beurteilung sei.

In der Tat spricht der Ct-Wert nicht für sich allein. Erstens müsse sichergestellt sein, dass die Probe tatsächlich tief im Rachen genommen wurde, betont der Virologe Dittmer. Er bezweifelt, dass dies bei Tests durch Ehrenamtliche immer der Fall ist. Zweitens müsse geklärt werden, ob sich ein Patient in der ansteigenden oder absteigenden Phase einer Infektion befinde, womöglich vermehren sich die Viren in seinem Körper gerade, was sich mit einem zweiten Test überprüfen ließe.

Doch das RKI macht Ämtern und Laboren keine Vorgaben zum Ct-Wert. Dabei könnte dessen Analyse nicht nur unnötige Quarantäne-Verordnungen verhindern. Die Gesundheitsämter könnten zudem leichter Superspreader ausfindig machen und verfolgen. Denn diese verbreiten Coronaviren häufig deshalb so stark, weil sie besonders viele Viren im Körper haben - und damit einen auffallend niedrigen Ct-Wert.

© SZ
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