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Schnelltests:"Für diese Krise fehlt den Deutschen Pragmatismus"

Corona in Deutschland: Werbeschild für kostenfreie Schnelltests in Tübingen

Dank Lisa Federle stehen in Tübingen bereits seit Monaten kostenfreie Schnelltests für alle bereit - finanziert durch Spenden.

(Foto: imago images/ULMER Pressebildage)

Seit Monaten schon organisiert die Notfallärztin Lisa Federle in Tübingen kostenfreie Schnelltests für alle. Was lässt sich daraus für den Kampf gegen die Corona-Pandemie lernen?

Interview von Vera Schroeder

Dass nicht nur PCR-Tests, sondern auch Schnelltests ein wichtiger Baustein im Kampf gegen die Pandemie werden müssen, daran hat die Notfallärztin Lisa Federle bereits im April vor einem Jahr geglaubt. In Eigeninitiative begann sie als Tübinger Pandemie-Beauftragte, Schnelltests in Altenheimen durchzuführen. In der zweiten Welle sammelte sie im November Spenden für Schnelltests in der Tübinger Innenstadt und zwei weiteren Städten im Landkreis, ein Modell, das mittlerweile viel kopiert wird. Am 10. März lag die Inzidenz im Kreis Tübingen bei 28,7, ein im bundesweiten Vergleich sehr niedriger Wert. Im Kampf gegen die dritte Welle setzt nun auch die Bundesregierung auf kostenfreie Schnelltests als flächendeckende Maßnahme. Alles also auf bestem Weg?

SZ: Frau Federle, impfen, nachverfolgen und so viele Schnelltests wie möglich, so lautet der Plan, um durch die dritte Welle zu kommen. Sie haben Erfahrung aus der Praxis. Kriegen wir das schnell genug hin?

Lisa Federle: Ach, wir sind schrecklich hinterher. Ich bin seit dem Sommer wütend darüber, dass das Potenzial der Schnelltests nicht genutzt wird. Aber gut, endlich reden wir darüber und es ist offizieller Teil der Strategie. Es bleibt uns ehrlich gesagt auch gar nichts anderes übrig. Also lasst uns das hinkriegen. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass das gar nicht so schwer ist.

Das klingt nur begrenzt optimistisch. Woran könnte es scheitern - und was heißt "gar nicht so schwer"?

Nachdem mir Jens Spahn gerade in einem Telefonat nochmal versichert hat, dass der Bund mindestens einen Test in der Woche finanziert und bei Bedarf auch bis zu zwei oder drei Tests, ist es grundsätzlich nicht schwer, auf kommunaler Ebene Strategien festzulegen und einfach loszulegen. Mit Strategien meine ich: Wo testen wir, wie oft, wen schulen wir dafür, wo ist es verpflichtend, wo freiwillig. Und wie fangen wir am besten morgen damit an? Aber: Jetzt tut sich hoffentlich was ...

Tuebingen Dr. Lisa Federle / Uebergabe von 350.000 neuartigen Corona-Schnelltests, Tuebingen, 11.03.2021 Dr. Lisa Feder

Ärztin Lisa Federle hat, so schätzt sie, seit Beginn der Pandemie selbst weit mehr als tausend Menschen für Coronatests abgestrichen.

(Foto: Thomas Dinges/Eibner/imago)

Was wäre Ihre Empfehlung, was schnell zu tun ist?

Ich würde verpflichtend in Kitas und Schulen testen, in Arbeitsstätten, wo viele Menschen zusammenkommen, aber auch alle Menschen, die körpernah arbeiten, Friseure, Fahrlehrer und Fahrschüler, Verkäufer im Einzelhandel. Mindestens zwei Mal die Woche. Dazu Testmöglichkeiten für alle Menschen, die ihre Großeltern besuchen möchten oder sonst wie eine Notwendigkeit haben. Vor Fitnessstudios zum Beispiel, da wird geschwitzt und viel geatmet, da wären Schnelltests schon wirklich eine gute Idee. Aber im Moment ist überall Chaos.

Haben wir überhaupt genügend Tests?

Ohne Spahns Einkaufslisten zu kennen: na klar. Es stehen ja nicht übermorgen 80 Millionen Menschen vor der Tür. Der IT-Arbeiter, der im Home-Office arbeitet, rennt garantiert nicht zweimal in der Woche zum Schnelltest, nur weil er einmal beim Einkaufen war und die Tests jetzt kostenlos sind. Nach allem, was ich bei meinen Bestellaktionen für Tübingen und im Kontakt direkt mit den Herstellerfirmen mitbekommen habe: einfach mal loslegen.

Woran hakt's, dass wir nicht "einfach mal loslegen"?

Nach einem Jahr Pandemie-Management muss ich leider sagen: Wir Deutschen können keine Krise. Das Tempo, das uns diese Krise abverlangt, ist uns zu hoch, uns fehlt es an Pragmatismus, wir sparen an der falschen Stelle. Uns bremsen der Wahlkampf, das Parteiengerangel oder die Lobbygruppen, die dann zum Beispiel Angst haben, dass durch kostenlose Antigen-Schnelltests nicht mehr genug PCR-Tests abgesetzt werden. Oder uns bremsen Juristen, die Politikern raten, dass es ein Problem mit Schulen geben könnte, weil nasale Tests für Kinder noch nicht extra zugelassen sind. Die haben dann Angst, dass sich ein Kind in der Nase verletzt. Wie soll man sich mit einem Wattestäbchen vorne in der Nase verletzen? Da hol ich mir die Einwilligung der Eltern, und gut ist es. Es ist viel schlimmer, wenn wir die Pandemie nicht in den Griff bekommen und weiter viel zu viele Menschen sterben.

Immerhin gibt es jetzt Schnelltests für den Eigengebrauch bei Aldi zu kaufen.

Ja, das ist toll. Aber das sind natürlich noch viel zu wenige. Und ohne eine groß angelegte Aufklärungskampagne und Strategie wird das mit den Eigentests nicht viel bringen oder noch schlimmer: Es macht den Gesundheitsämtern und den Hausärzten zusätzlich Arbeit.

Warum das?

Ich bekomme täglich mit, was passiert, wenn man Menschen mit solchen Tests ohne Aufklärung und genaue Anleitung alleine lässt. Viele verstehen es nicht. Die sehen das C auf dem Teststreifen, das für Control steht und denken, es steht für Corona. Dann rufen sie panisch den Hausarzt an. Das war in meiner Fieberambulanz schon am vergangenen Samstag so, als die Tests erstmals und ja nur in kleiner Stückzahl im Handel lagen. Die Menschen haben so viele Fragen! Wir müssen beides parallel machen: kontrollierte Schnelltests und parallel Aufklärung für die Eigentests. In vier bis sechs Wochen könnte man das schon hinkriegen, dass wirklich jeder weiß, wie man damit umgeht. Aber im Moment ist das alles noch völlig unklar.

Machen die Menschen das überhaupt: sich zweimal in der Woche freiwillig ein Stäbchen in die Nase stecken?

Wenn die Eigentests kostenlos wären, glaube ich schon, dass das genutzt würde. Bei den kontrollierten Schnelltests hängt es davon ab, wie gut die Sache beworben wird und dass man die Tests komfortabel zu den Leuten bringt. Denn natürlich haben Sie recht: Wir bieten jetzt hier in Tübingen seit drei Monaten kostenlose Schnelltests an, und die Leute nehmen es an, aber sie rennen uns jetzt nicht die Bude ein.

Die Tests sind ja auch ganz schön unangenehm ...

Nein, die neuen Schnelltests der zweiten Generation, die seit Anfang des Jahres erhältlich sind und vorne in der Nase abgestrichen werden, sind überhaupt nicht mehr unangenehm. Das kitzelt nur ein bisschen. Aber gerade, weil die meisten Menschen im vergangenen Jahr sich irgendwann mal für einen PCR-Test oder einen alten Schnelltest haben abstreichen lassen, ist fest in den Köpfen verankert: Das ist unangenehm. Auch dafür wäre die Aufklärungskampagne dringend nötig. Das könnte wirklich bald wie Zähneputzen gehen!

© SZ/imago imagesULMER Pressebildage/dpa/cvei
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