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Hygiene:Handgel: Wie Didier Pittet seine Anti-Corona-Waffe in die Welt brachte

Didier Pittet

Der Handhygieniker Didier Pittet hat ein Desinfektionsgel entwickelt und vermutlich unzählige Menschenleben damit gerettet.

(Foto: Leo Klimm)

Dem Genfer Mediziner Didier Pittet ist eine der wirksamsten Waffen gegen das Coronavirus zu verdanken: das Handgel.

Von Leo Klimm

Auf die Hände kommt es an. Bei Didier Pittet sind sie immer in Bewegung. Spricht er von der Welt, die von dem Virus befallen wurde, formt er die Hände zu einer Kugel. Spricht er von der Dosierung seines Wundermittels gegen dieses Virus, zeigt er die Mengenangaben mit Daumen und Zeigefinger an.

Er spricht viel mit den Händen und er tut das umso energischer, wenn er über Hände spricht. Hände sind Pittets Lebensthema. Hände - und ihre Sauberkeit. "Sie können Leben retten und Leben zerstören", sagt er und wischt über seinen Schreibtisch, als wolle er die Endgültigkeit des Todes noch unterstreichen. Hände sind für ihn das größte Infektionsrisiko. Deswegen hat Pittet dafür gesorgt, dass viele Menschen in der Corona-Krise Zugang zu Desinfektionsgel haben.

Der zähflüssige Virenkiller ist überall anzutreffen. Am Eingang von Geschäften und Restaurants, in Bahnhöfen, Schulen. Jeder kann es in der Hosentasche bei sich tragen. Das Gel, das manchmal auch als wässrige Lösung oder als Spray daherkommt, ist zum Abtöten von Viren und Bakterien praktischer und schneller als Wasser und Seife.

Das Virus hat das Bewusstsein verändert

Didier Pittet, Infektiologe an der Genfer Uniklinik, ist es, der die rasante Ausbreitung dieser schlichten, aber wirksamen Anti-Corona-Waffe ermöglicht hat. Schon 2006 hat er eine nicht patentierbare Formel zur Herstellung der "alkoholischen Handeinreibung" an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) übergeben, die sie wiederum in ihre Liste unentbehrlicher Arzneimittel eingetragen hat. In der Covid-Krise erweist sich das als segensreich: Dank des Open-Source-Rezepts konnten viele Firmen spontan in die Produktion einsteigen - und Kunden mit relativ günstigem Desinfektionsgel versorgen. "Handhygiene ist etwas zu Einfaches und zu Wichtiges, als dass sie patentiert sein dürfte", sagt Pittet. Gut möglich, dass die Pandemie ohne ihn einen noch schlimmeren Verlauf genommen hätte.

Das Virus hat das Bewusstsein für die Handhygiene verändert. Zur Begrüßung werden keine Hände mehr geschüttelt. Dafür werden sie häufiger gereinigt. Pittet, 63, macht das sehr zufrieden. Er hält ein Fläschchen mit der Desinfektionslösung hoch. Darauf steht: "Clean Hands Save Lives". Ein Dutzend solcher Flaschen sind auf Pittets Schreibtisch aufgereiht. Ansonsten ist jede freie Fläche in seinem Büro mit Papierstapeln vollgepackt.

Professeur Pittet hat auf einem mit Leder bezogenen Stuhl Platz genommen und die Ärmel des Arztkittels hochgekrempelt. Als wolle er sagen: Es gibt noch so viel zu tun. Dennoch wirkt alles, was er sagt, wenn er im Singsang seines Schweizer Französisch von seinem Lebenswerk erzählt, dem "Geneva Hand Hygiene Model", irgendwie leicht und einfach. Fast zu einfach.

Der Wissenschaftler hätte reich werden können, hätte er gewollt

Zwei Komponenten hat das Hygieneprotokoll, das inzwischen zu den Standards der Medizin gehört. Zum einen die Formel der Desinfektionslösung: 80 Prozent Ethanol oder 75 Prozent Isopropanol - beides Alkohol. "Ist er geringer dosiert, wirkt das Gel nicht gut", sagt Pittet. Dazu 1,45 Prozent des Weichmachers Glycerol, um die Hände bei häufigem Gebrauch zu schützen. Der Rest ist Wasser. Kommerzielle Hersteller setzen oft noch weitere Stoffe hinzu. Das verspricht zwar keinen besseren Schutz, lässt aber renditeträchtige Patente zu. Die zweite Komponente des Genfer Modells sind Pittets präzise Vorgaben zur Art und Weise, wann und wie oft die Hände mit dem Gel gereinigt werden sollen, und zwar besonders in Krankenhäusern, dem Infektionsherd par excellence.

Pittet hätte reich werden können mit dem Gel. Doch das Geschäft machen jetzt andere. "Das stört mich nicht", beteuert er. "Ich freue mich, dass die Lösung endlich von so vielen genutzt wird."

Bruck: KRANKENHAUS-Reportage - KLINIKUM

Nirgendwo ist Handhygiene so wichtig wie im Krankenhaus.

(Foto: Johannes Simon)

Er erinnert sich, wie ihn Vertreter einschlägiger Anbieter wie B. Braun oder der US-Firma Ecolab in seinem Büro belagerten, als er 2006 die Formel bei der WHO hinterlegte. "Die waren alle sauer." Pittets Gratis-Rezept dämpfte die Preise am Markt. "Das war ja gewollt", sagt er. "Heute kommen diese Firmen mit der Produktion kaum hinterher und sind sehr froh." Es sind sogar große Parfümhersteller neu eingestiegen ins Geschäft mit der günstigen - und doch kostbaren - Flüssigkeit.

Pittet hält wieder das Flacon hoch, 100 Milliliter. "Die Produktion kostet nur einen Euro", sagt er. Inhalt plus Verpackung. "Aber über die Masse lässt sich eben doch Geld verdienen." Geld, das Pittet und seinem Arbeitgeber entgeht. Der frühere Chef der Genfer Uniklinik nannte ihn deshalb im Scherz den teuersten Arzt der Welt. Ins Positive überspitzt könnte man sagen: Didier Pittet ist der Mann, der auf Millionen Franken verzichtet und Millionen Menschenleben rettet.

Er trägt den Ritterorden der britischen Königin

Er lässt sich das gefallen. Gierig mag er nicht sein, eine gewisse Eitelkeit lässt sich nicht leugnen. Pittet sieht sich in einer Linie dem berühmten Hygieniker Ignaz Semmelweis, der im 19. Jahrhundert die Säuglingssterblichkeit bekämpfte. Aus einer einfachen Familie des Genfer Umlandes stammend, hat es Pittet weit gebracht: Neben zahlreichen Ehrentiteln medizinischer Fakultäten trägt er den Robert-Koch-Preis sowie einen Ritterorden, den die Königin von England ihm dafür verlieh, dass er die Reinlichkeit an britischen Krankenhäusern gesteigert hat. In seinem Heimatrevier, der Genfer Uniklinik, ist er selbst ein kleiner König. 70 Menschen arbeiten hier für ihn.

Seine Spezialität ist die Bekämpfung sogenannter nosokomialer Infektionen - Erkrankungen, die man sich im Krankenhaus einfängt. Dass er die Welt mit günstigem Desinfektionsgel versorgt hat, ist, wenn Pittet ehrlich ist, dagegen ein unbeabsichtigter, wenngleich glücklicher Nebeneffekt seiner Arbeit. Wie kommt das?

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Als Pittet 1993 die Infektionsprävention an seiner Genfer Klinik übernimmt, treibt ihn eine erschreckende Erkenntnis um: Viele Ansteckungen gehen nur darauf zurück, dass das Personal sich nicht die Hände wäscht. So wandern Viren und Bakterien umher, etwa Staphylokokken, und töten besonders geschwächte Patienten. Studien kamen vor Jahren schon zu dem Schluss, dass sich weltweit jeden Tag eine halbe Million Menschen mit Krankenhauserregern anstecken und bis zu 50 000 daran sterben. "Auch das ist eine Pandemie, eine stille", sagt Pittet. "Und sie ist so vermeidbar."

Eigentlich müsste sich das Pflegepersonal 22 Mal pro Stunde die Hände waschen

Zwei Jahre lang erforscht er die Handhygiene der Ärzte und Pfleger. Eine Krankenschwester auf der Intensivstation, stellt er dabei fest, müsste sich 22 Mal pro Stunde gründlich die Hände waschen, damit sie kein Infektionsrisiko darstellt. "Das ist unmöglich und macht auch die Hände kaputt", sagt Pittet. Zum Desinfizieren musste etwas anderes her: Alkohol.

Es gehört zu den Glücksfällen in seinem Leben, dass der damalige Hausapotheker der Klinik, der Brite William Griffith, auf alkoholische Lösungen spezialisiert ist. Gemeinsam entwickeln beide die Lösungen zum Gel weiter. Das tropft kaum und schont die Haut. Dazu entwirft Pittet sein Protokoll und führt es in vielen Abteilungen des Krankenhauses ein.

Zwar sind zu dieser Zeit schon lange alkoholbasierte Hand-Desinfektionslösungen auf dem Markt; in Deutschland und anderen europäischen Ländern sind sie auch bereits verbreitet in Krankenhäusern im Einsatz. Aber an der Umsetzung hapert es vielerorts. Und so erzielt Pittet mit seinem Modell an der Genfer Uniklinik spektakuläre Ergebnisse: Das Personal reinigt sich in den Jahren ab 1995 dank des Gels die Hände fast doppelt so häufig, zeigen Pittets Erhebungen. Und die Zahl nosokomialer Erkrankungen sinkt um die Hälfte. Später veröffentlicht er diese Erkenntnisse in der Fachzeitschrift The Lancet. "Das war der Durchbruch", sagt er. In der Tat: Heute wenden Krankenhäuser in aller Welt das Geneva Model an. Nach Schätzungen der WHO entgehen so jährlich bis zu acht Millionen Menschen dem Tod. Corona ist da noch nicht berücksichtigt.

Pittet ist auch Berater der WHO. Seit 2005 tingelt er im Auftrag der UN-Organisation um die Welt, um den Gebrauch der Alkohol-Lösungen zu verbreiten. In Gegenden, in denen fließendes und sauberes Wasser Mangelware ist, ist das Gel besonders wertvoll. Als Pittet zum Beispiel 2006 ein Missionskrankenhaus in Kenia besucht, entdeckt er, wie seine Gel-Fläschchen wie Schätze in Tresoren verwahrt werden. Sie sind dort wegen Transportkosten und Importsteuern zu dieser Zeit vier Mal so teuer wie in Europa. "Da habe ich begriffen, dass das Gel vor Ort hergestellt werden muss", erzählt Pittet. Also hat er im benachbarten Uganda eine Ethanol-Produktion aus Zuckerrohr angestoßen. Es ist eine von 40 Ethanol-Fabriken, die Pittet und die WHO inzwischen weltweit in Gang gebracht haben.

Geistliche mussten das Gel absegnen

Er hat viel erlebt als Hand-Hygieniker. In Russland musste er dem Alkohol ein Würgemittel zusetzen, um den Rohstoffschwund im Gel-Labor zu stoppen. Für einige muslimische Länder mussten Religionsgelehrte das alkoholhaltige Gel absegnen, damit es auf den Händen verrieben werden durfte. Jetzt wurde das Mittel, für das er tagein, tagaus wirbt, auch noch zum Bestseller.

Bald wird Didier Pittet in Genf in Rente geschickt, mit 65, "zwangsweise". Er wird trotzdem weitermachen, sagt er, auf eigene Faust. Er hat auch schon ein neues Großprojekt: Nach den Händen der Krankenhausarbeiter will Pittet die Behandlungsräume, besonders die Operationssäle, absolut keimfrei bekommen. Es gibt noch so viel zu tun.

© SZ
Thema: Junge Frau zieht einen Mundschutz an und traegt Handschuhen. Radevormwald Deutschland *** Topic Young woman puts

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