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Corona-Pandemie:Reisebeschränkungen mit Fragezeichen

Coronavirus: Grenzkontrolle zwischen Deutschland und Österreich

Lange Staus an den Grenzen bremsten diesen Sommer viele Urlauber.

(Foto: Gerd Eggenberger/dpa)

Geschlossene Grenzen, Fiebermessen am Flughafen, Quarantäne von Einreisenden: Forscher des Cochrane-Netzwerkes haben den Nutzen dieser Maßnahmen untersucht.

Von Berit Uhlmann

Wer in diesem Sommer Reisepläne schmieden wollte, konnte schnell den Eindruck eines großen Durcheinanders gewinnen. Kaum nachzuvollziehen war und ist, welche Regionen wen unter welchen Bedingungen willkommen hießen. Auch ein Blick auf den jüngsten Bericht der UN-Weltorganisation für Tourismus (UNWTO), lässt den Leser eher ratlos zurück. 115 Länder und Überseegebiete haben bis zum 1. September ihre Reisebeschränkungen gelockert. 93 andere Regionen halten ihre Grenzen weiter für Touristen geschlossen.

Ein klares Muster ist dabei nicht zu erkennen. Die beiden Antilleninseln Anguilla und Grenada beispielsweise hatten Anfang September keine neuen Covid-19-Fälle mehr, doch nur Grenada ließ wieder Touristen ins Land. Argentinien und Chile, beide mit hohen Fallzahlen, lassen die Grenzen geschlossen, während die ebenfalls stark betroffenen Länder Brasilien und Costa Rica wieder Gäste empfangen, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Letztlich spiegelt der Flickenteppich an Regelungen auch die wissenschaftliche Unsicherheit wider: Wie sinnvoll die Reisebeschränkung sind, ist nicht klar.

Auch Forscher des als besonders streng geltenden Cochrane-Netzwerks können in einer aktuellen Studie keine klare Empfehlung abgeben. Immerhin aber fanden sie Hinweise auf eine Wirksamkeit von Reisebeschränkungen. Die Wissenschaftler der Pettenkofer School of Public Health an der Münchner LMU hatten die verfügbare Literatur ausgewertet und sich dabei auf Coronaviren konzentriert. Sie fanden 36 Studien, die meisten zu Sars-CoV-2, die übrigen widmeten sich vergangenen Sars- und Mers-Ausbrüchen.

Lediglich auf Symptome zu kontrollieren, ist wenig sinnvoll

Potenziell hilfreich ist demnach ein Einreisestopp aus Risikogebieten. Die begutachteten Studien zeigten positive Effekte, wenngleich deren Größe stark schwankte. So ergaben Modellierungen, dass die Zahl neuer Fälle um 26 bis 90 Prozent sinken kann, wenn der internationale Reiseverkehr frühzeitig in der Pandemie eingeschränkt wird. Die Zeit, bis Reisende neue Ausbrüche verursachen, könnte zwischen zwei und 26 Tagen verzögert werden.

Dagegen scheint die Symptomkontrolle der Reisenden allein wenig geeignet, eine größere Zahl an Infizierten zu entdecken und so die Weiterverbreitung des Virus zu verhindern. Fiebermessen und das Abfragen von Krankheitszeichen sind nicht sehr zuverlässig. "Allerdings erhöht sich die Wirksamkeit dieser Maßnahmen, wenn sie mit anderen kombiniert werden, etwa mit einer ausgeweiteten Teststrategie oder einer Quarantäne unabhängig vom Testergebnis", sagt Hauptautorin Ani Movsisyan.

Den Sinn einer Einreise-Quarantäne allein konnten die Autoren nicht bestimmen. Deren Wirksamkeit dürfte zudem von vielen Faktoren abhängen, etwa wie zuverlässig die Menschen den Anweisungen folgen, wie stark der Erreger bereits verbreitet ist und welche weiteren Maßnahmen in Kraft sind.

Insgesamt blieb die Evidenz gering. Das liegt zum einen daran, dass viele Erkenntnisse aus Modellierungen stammen, die, wie es die Autoren formulieren, "potenziell ungeeignete Annahmen" enthalten und Unsicherheiten nicht ausreichend berücksichtigten. Außerdem seien die Studien sehr unterschiedlich, sagt der zweite Hauptautor Jacob Burns: "Sie untersuchen verschiedene Maßnahmen in verschiedenen Ländern, dazu verwenden sie auch noch unterschiedliche wissenschaftliche Methoden. Das macht es schwer, allgemeine Schlüsse zu ziehen."

Über den potenziellen Schaden der Reiseeinschränkungen können die Autoren nichts sagen. Dabei können die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen enorm sein.

© SZ
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