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Corona-Müdigkeit:"Es ist enorm, wie gut die Eigenverantwortung bisher geklappt hat"

Neue Sorglosigkeitsnorm? Je mehr Menschen heute draußen unterwegs sind, umso mehr verabreden sich für morgen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Motivationswissenschaftler Lukas Thürmer warnt davor, die Menschen im Umgang mit der Pandemie zu unterschätzen. Was es jetzt aber braucht: ein festes Ziel, einen klaren Plan und Vorbilder.

Interview von Vera Schroeder

Durch den monatelangen Lockdown gibt es deutlich weniger Neuinfektionen als noch im Dezember. Doch seit einigen Wochen gehen die Werte in Deutschland nicht weiter zurück. Nun haben sich Bund und Länder auf mehrstufige Öffnungsschritte geeinigt, den Lockdown aber auch bis zum 28. März verlängert. Der Wissenschaftler Lukas Thürmer erklärt, wie die Motivation in der Bevölkerung hochgehalten werden kann.

SZ: Wir wissen, dass die Zahlen steigen und dass sie ohne strengere Maßnahmen kaum wieder sinken werden - trotzdem wird gelockert. Was passiert da gerade?

Lukas Thürmer: Fast 60 Prozent der Menschen stimmen laut den aktuellsten Umfragen von Cosmo Monitor den Maßnahmen nach wie vor zu. Diese Zahl nimmt ab, aber sie ist immer noch enorm hoch. Allerdings neigen wir als Menschen dazu, uns auf die Abweichung zu konzentrieren, also in diesem Fall die Trendumkehr. Dass jetzt dauernd behauptet wird, die Menschen wollten Lockerungen und außerdem würden eh schon überall Corona-Partys gefeiert, verstärkt diesen Wunsch dann tatsächlich. Diese Berichterstattung signalisiert, es gelte schon eine neue Sorglosigkeitsnorm.

Sie meinen, die Menschen könnten noch viel länger im Lockdown durchhalten?

Es wird mit Sicherheit immer schwerer. Aber die Zahlen sagen eben auch: Über die Hälfte ist noch dabei. Als Motivationswissenschaftler finde ich es enorm, wie gut die Eigenverantwortung in dieser Pandemie bisher geklappt hat, das kommt mir in der Berichterstattung oft zu schlecht weg. Die Menschen haben ihr Verhalten extrem geändert in diesem Jahr. Jetzt sind alle müde und erschöpft, und es wird schwieriger, die Motivation und das Energielevel hoch zu halten.

Was brauchen wir jetzt, um motiviert zu bleiben?

Ein klares Ziel. Einen guten Plan, wie man dieses Ziel erreicht. Und positive Vorbilder aus der eigenen Gruppe. Das sind die wichtigsten Voraussetzungen für Gruppenmotivation. Ein Missverständnis ist es übrigens, zu denken, dass das Ziel möglichst erreichbar sein muss für die beste Motivation. Hochgesteckte Ziele sind sinnvoller. Wenn man die einmal festgelegt hat, grübelt man nicht mehr dauernd über das Für und Wider, sondern fokussiert sich ganz auf den Weg zum Ziel. Denken Sie an Sport: Wer nur irgendwie fitter werden möchte, landet oft doch auf der Couch. Wenn man für einen Marathon trainiert, kann man sich auf den Trainingsplan dahin konzentrieren. Und selbst wenn ich dann nicht die volle Distanz schaffe, bin ich doch weiter gekommen als mit dem niedrigen Ziel.

Lukas Thürmer wurde in Frankfurt a.M. geboren und arbeitet als Motivationswissenschaftler an der Paris-Lodron Universität Salzburg. Dort erforscht er, wie Gruppen und Teams ihre Ziele erreichen.

(Foto: Sabine Glas/privat)

Und das Ziel wäre im Fall der aktuellen Pandemiesituation was genau?

Ich persönlich fände "No Covid" ein wirklich gutes Ziel, also die Idee, dass man die Inzidenz dauerhaft ganz unten haben will. In der Realität haben wir in Deutschland seit Monaten ein sehr verunsicherndes Hin und Her, und eigentlich ist kein klares Ziel erkennbar. Dadurch wirkt es auch so unmöglich, sich auf einen Plan zum Erreichen des Ziels zu einigen. Wir hängen permanent im "Was" fest, und kommen dadurch so schlecht zum "Wie".

Zu einem guten "Wie"-Plan als zweite Grundvoraussetzung für anhaltende Motivation.

Ja, man muss schon wissen, wie man das jetzt genau macht mit dem Ziel. Also bei Corona jetzt ein Stufenplan oder ein Ampelkonzept, auf jeden Fall etwas, das jeder versteht, das sich nicht gleich wieder ändert und an alle Gruppen jeweils passend und gleichzeitig leicht verständlich kommuniziert werden kann. Meine Frau kommt aus Neuseeland, da hat das super geklappt: Das Ziel, das die Premierministerin Jacinda Ardern ausgegeben hat, war "No Covid". Und das Ampelkonzept wurde dabei ganz verschiedenen Bevölkerungsgruppen vermittelt, sogar Kindergartenkindern.

Warum sind Vorbilder so wichtig für die Motivation in der aktuellen Situation?

Es gibt viele Untersuchungen zu Gruppenverhalten, die zeigen: Wenn es Spitz auf Knopf kommt, ist weniger wichtig, was man machen sollte, als was andere Menschen tatsächlich machen. Ein Schild auf einem Wanderweg, auf dem steht, dass man hier keinen Müll liegen lassen soll, verliert seine Kraft, wenn an der Stelle tatsächlich schon Müll liegt. Auf Corona übertragen: Wenn ich jetzt im Frühling mehr Menschen draußen sehe, die in größeren Gruppen miteinander unterwegs sind, dann wird es wahrscheinlicher, dass ich mich demnächst ebenfalls mehr verabrede. Meine soziale Norm verschiebt sich, und zwar je ähnlicher mir diese Menschen sind, die ich da sehe, umso stärker.

Wir laufen so simpel einfach den anderen hinterher?

Ich würde lieber sagen: Wir richten uns aneinander aus. Das ist super, wenn die Dinge gut laufen, wird aber zum Problem, wenn zu viele Leute ausscheren - oder man denkt, dass zu viele ausscheren. Da wären wir wieder am Anfang: Wir brauchen jetzt einen gemeinsamen Plan. Und wir müssen vorsichtig sein mit dem Kurzschluss, dass aktuell sowieso schon alle zu müde sind, um sich noch an irgendwas zu halten. Diese Darstellung führt schneller dazu, dass es tatsächlich so wird.

© SZ
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