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Lockdown-Beschlüsse:Sind das die richtigen Maßnahmen?

05.01.2021, xtgx, Symbolfotos Lockdown und Maskenpflicht in Wolfsburg, Polizei und Ordnungsamt kontrollieren die Einhal

Polizei und Ordnungsamt kontrollieren die Einhaltung der Maskenpflicht in der Wolfsburger Innenstadt.

(Foto: Michael Taeger via www.imago-images.de/imago images/Jan Huebner)

Weil die Infektionszahlen nicht wie erhofft sinken, sollen neue Beschränkungen helfen. Doch welche Regeln bringen wirklich etwas und was ist aus wissenschaftlicher Sicht fragwürdig?

Von Christina Kunkel

Erst Lockdown light, dann noch ein bisschen mehr Lockdown - doch die Zahl der Corona-Neuinfektionen sinkt einfach nicht in Richtung der bundesweit angestrebten 50 Fälle pro 100 000 Einwohner. Erst dann schaffen es die Gesundheitsämter wieder, Infektionsketten zuverlässig nachzuverfolgen. Was bleibt jetzt also noch? Zunächst bis Ende Januar will die Regierung versuchen, mit teilweise ganz neuen, teilweise verschärften Regeln die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Doch taugen die neuen Beschränkungen, um die Fallzahlen deutlich zu senken? Eine Bestandsaufnahme.

15-Kilometer-Radius: In Gebieten, in denen die 7-Tage-Inzidenz über 200 Fällen pro 100 000 Einwohner liegt, sollen sich die Menschen künftig nur noch in einem Umkreis von 15 Kilometern um ihren Wohnort (also die Ortsgrenze, nicht die Wohnadresse) bewegen dürfen - außer es gibt einen triftigen Grund, wie zum Beispiel den Weg zur Arbeit. Eine derartige Regelung gilt aktuell bereits in Sachsen. Ob alle anderen Bundesländer diese Maßnahme übernehmen, ist noch offen. So sollen vor allem Tagesausflüge verhindert werden, bei denen dann möglicherweise Massenaufläufe an Rodelhängen oder Skipisten entstehen. Aktuell haben allerdings außerhalb von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen kaum Gebiete einen derartig hohen Inzidenzwert - was auch daran liegt, dass über die Feiertage weniger getestet wurde und die Zahlen deshalb derzeit nicht wirklich aussagekräftig sind. Während man in vielen ländlichen Regionen in einem Radius von 15 Kilometern sowieso kaum weitere Orte findet, geschweige denn viele Menschen trifft, würde eine solche Regelung in Großstädten wohl eher dazu führen, dass sich noch mehr Menschen in den Parks drängeln, anstatt in weniger überlaufenen Gebieten spazieren zu gehen.

Kontaktbeschränkungen: Künftig dürfen sich Angehörige eines Hausstands nur noch mit einer weiteren Person aus einem anderen Haushalt treffen. Was zunächst nach strenger Verschärfung klingt, macht zu den bisherigen Regeln aus infektiologischer Sicht jedoch kaum einen Unterschied. Da bereits bisher nur maximal fünf Personen aus zwei Haushalten (plus Kinder unter 14 Jahre) erlaubt waren, dürfen sich in Zukunft eben etwa keine zwei Paare mehr treffen, sondern nur noch ein Paar mit einer weiteren Person. Das Grundproblem bleibt jedoch bestehen: Potenziell kann sich jeder weiterhin mit einer unbegrenzten Anzahl unterschiedlicher Kontaktpersonen treffen - es darf nur nicht gleichzeitig sein. Ein Kind spielt also heute mit dem einen Freund, morgen dann mit dem anderen. Eine Beschränkung auf eine feste "Bubble" oder sogar die von Angela Merkel vor Weihnachten als "Ein-Freund-Regel" beschriebene Maßnahme scheuen die Verantwortlichen weiterhin. Dabei wäre das weiterhin die sinnvollste Regel, um die Anzahl privater Kontakte tatsächlich zu reduzieren. Natürlich sind das aber auch die Bereiche, die sich am schwierigsten kontrollieren lassen: Wie soll man nachvollziehen, ob sich jemand über Wochen nur mit dieser einen Person getroffen hat, mit der er gerade im Park spazieren geht oder ob er gestern noch mit jemand anderem Kaffee getrunken hat?

Schulschließungen: Bis Ende Januar bleiben Schulen und Kitas zu - lediglich eine Notbetreuung für Kinder bis zur sechsten Klasse soll es geben. Das ist zumindest die Vorgabe des Bunds, entschieden wird letztlich in den Ländern. Über die Rolle der Jüngsten in der Pandemie wird immer wieder diskutiert. Was jedoch unbestritten ist: Auch in Bildungseinrichtungen finden Übertragungen statt - insbesondere, wenn das Infektionsgeschehen insgesamt hoch ist. Dabei zeigen Kinder oft keine Symptome und werden seltener getestet. In einer Phase der Pandemie, in der die Fallzahlen sehr hoch sind und drastisch gesenkt werden müssen, ist es deshalb richtig, Kontakte auch in Schulen und Kitas so weit wie möglich zu reduzieren. Dazu kommen erste Analysen aus Großbritannien, wo die wohl deutlich ansteckendere Virusmutante B.1.1.7 bereits weit verbreitet ist: Dort berichtete das wissenschaftliche Expertengremium SAGE (Scientific Advisory Group for Emergencies) zuletzt, dass Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre nun deutlich öfter Infektionen in einen Haushalt tragen als Ältere. Zudem geben sie dort das Virus auch mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit weiter.

Arbeit: Hier gibt es keine neuen Einschränkungen. Erneut werden Arbeitgeber nur dringend gebeten, "großzügige" Möglichkeiten für Home-Office zu schaffen. Betriebskantinen sollen, wo immer möglich, geschlossen werden. Dabei hatten zuletzt Studien gezeigt, dass im zweiten Shutdown deutlich weniger Menschen im Home-Office arbeiten als noch bei den Beschränkungen im Frühjahr. Zudem wurden damals deutlich mehr Betriebe geschlossen, so standen etwa die Bänder bei den Autoherstellern über Wochen still, während dort jetzt immer noch weiter produziert wird. Doch sind gerade Arbeitsstätten aktuell die wohl einzigen Orte, an denen ohne Kontaktbegrenzung täglich Menschen aus unterschiedlichen Haushalten zusammenkommen dürfen, zudem geht der Weg dorthin oft mit einer Fahrt im öffentlichen Nahverkehr einher, wo man ebenfalls wieder potenzielle Risikokontakte hat. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es im Sinne der Reduzierung von Kontakten und der Mobilität besser, die Regierung hätte hier den Spieß umgedreht: Jeder Arbeitnehmer müsste das Recht auf Home-Office haben - und sollte das aus bestimmten Gründen nicht gehen, wäre der Arbeitgeber in der Pflicht, das im Zweifel zu begründen.

Ausweitung der Tests: Für mehr Sicherheit in Pflegeheimen sollen freiwillige Helferinnen und Helfer das Personal in Pflegeheimen bei den Schnelltests unterstützen. Schon lange ist klar, dass es vor allem an den personellen Kapazitäten fehlt, um an besonders gefährdeten Orten regelmäßige Corona-Tests durchzuführen. Für die meisten Alten- und Pflegeheime ist es schlicht nicht leistbar, jeden Besucher, das Personal und die Bewohner täglich zu testen. Da jedoch Schnelltests nur eine Aussagekraft von wenigen Stunden haben, ist diese hohe Frequenz unerlässlich. Insofern ist es richtig, an diesen Stellen jetzt personell zu unterstützen.

Reiserückkehrer: Reisen sind weiterhin erlaubt, auch in Länder mit hohem Infektionsgeschehen. Wer aber aus einem Risikogebiet nach Deutschland kommt, muss sich jetzt direkt nach der Einreise oder in den 48 Stunden davor testen lassen, danach noch einmal nach frühestens fünf Tagen, um aus der erforderlichen Quarantäne von sonst zehn Tagen entlassen zu werden. Dieser verpflichtende Test für alle ist sinnvoll, um mögliche Infektionen frühzeitig zu erkennen und Personen direkt zu isolieren. Schickt man Einreisende ohne Testpflicht in Quarantäne, lassen sich Ansteckungsketten viel schwerer und vor allem erst verspätet nachvollziehen - zum Beispiel, wenn ein Infizierter in einem Flieger saß, sich aber erst nach fünf Tagen oder auch gar nicht testen lässt. Gerade im Hinblick auf die Virusmutation, die sich von Großbritannien aus gerade wohl schon in anderen Ländern verbreitet, ist diese doppelte Teststrategie wichtig. Noch sinnvoller für die Pandemie-Bekämpfung wäre es jedoch, Ein- und Ausreisen auf wenige, unbedingt nötige Ausnahmefälle zu beschränken.

© SZ/fued
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