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Covid-Impfung:US-Behörden fordern Pause für den Impfstoff von Johnson & Johnson

FILE PHOTO: A woman receives a dose of the Johnson & Johnson coronavirus disease (COVID-19) vaccine during a visit of U.S. Vice President Kamala Harris to a vaccination center in Chinatown, in Chicago

Impfung mit Johnson-&-Johnson-Impfstoff in Chicago.

(Foto: Carlos Barria /REUTERS)

Das Vakzin der US-Firma scheint ähnlich wie jenes von Astra Zeneca in seltenen Fällen zu Thrombosen in den Hirnvenen zu führen. In den USA sind unter 6,8 Millionen Geimpften sechs Menschen erkrankt. FDA und CDC fordern daher, die Impfungen erst einmal auszusetzen.

Von Christina Berndt

Nach dem Impfstoff der Firma Astra Zeneca steht ein zweiter Covid-Impfstoff unter dem Verdacht, in seltenen Fällen gefährliche Hirnvenenthrombosen auszulösen: In den USA empfahlen die obersten Gesundheitsbehörden am Dienstag, die Impfungen mit dem Vakzin der US-Firma Johnson & Johnson zu unterbrechen, nachdem dort nach 6,8 Millionen verabreichten Impfdosen sechs Geimpfte Sinusthrombosen im Gehirn entwickelt hatten. Alle Betroffenen waren Frauen zwischen 18 und 48 Jahre, teilten die US-Arzneimittelaufsicht FDA und die US-Seuchenschutzbehörde CDC am Dienstag in einem gemeinsamen Statement mit. Eine Frau ist demnach gestorben, eine weitere schwer erkrankt. "Wir empfehlen eine Pause in der Verwendung dieses Vakzins als Vorsichtsmaßnahme", heißt es in dem Statement.

Das Bild gleicht somit dem beim Astra-Zeneca-Impfstoff: Unter Geimpften in Europa, die das Corona-Vakzin von Astra Zeneca erhalten hatten, waren im März ebensolche Thrombosen beobachtet worden, etwa einer von 100 000 Geimpften unter 60 Jahren war demnach betroffen, die meisten davon Frauen. Nach einem Impfstopp gehen die Impfungen mit diesem Vakzin mittlerweile weiter - allerdings werden in Deutschland nur noch Menschen über 60 Jahre damit geimpft. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hält hingegen an ihrer uneingeschränkten Empfehlung fest: Die Hirnvenenthrombosen seien so selten, dass der Nutzen des gut vor Covid-19 schützenden Impfstoffs die mögliche Gefahr in allen Altersgruppen bei Weitem überwiege.

Dass bei diesen beiden Vakzinen ähnliche, seltene Nebenwirkungen auffallen, überrascht nicht: Die Impfstoffe von Astra Zeneca und Johnson & Johnson ähneln einander vom Prinzip her: Bei beiden handelt es sich um Vektorimpfstoffe, bei denen ungefährliche Viren als Transportmittel für den Impfstoff in die Körperzellen genutzt werden. Während Astra Zeneca ein Adenovirus von Schimpansen namens ChAdOx1 benutzt, basiert das Johnson-&-Johnson-Vakzin auf dem menschlichen Adenovirus Ad26.

Offenbar handelt es sich um eine Autoimmunreaktion

Die FDA wollte sich zunächst nicht dazu äußern, ob sie einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den Impfungen und den Thrombosen sieht. Doch daran zweifeln hiesige Behörden nicht mehr. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) teilte am Dienstag in einem Rote-Hand-Brief mit, dass ein kausaler Zusammenhang mittlerweile "als plausibel angesehen" werde. Außer Alter und Geschlecht konnten nach Angaben des PEI bisher aber keine weiteren Risikofaktoren identifiziert werden.

Eine mögliche Erklärung für die seltene Impfkomplikation hat jüngst ein Team um den Transfusionsmediziner Andreas Greinacher von der Universität Greifswald im New England Journal of Medicine publiziert. Demnach handelt es sich offenbar um eine Autoimmunreaktion: Greinachers Team hat das Blut von elf deutschen Betroffenen untersucht, die nach der Astra-Zeneca-Impfung Hirnvenenthrombosen entwickelt haben, und darin Antikörper gegen den Plättchenfaktor 4 gefunden, ein an der Blutgerinnung beteiligtes Molekül. Diese Antikörper bilden zusammen mit den Blutplättchen Aggregate. "Das ist ein plausibler Mechanismus für die Entstehung der Thrombosen", sagt Christine Falk, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Allerdings sei unklar, ob diese Autoimmunantikörper bei den wenigen Patienten durch die Impfung erst entstanden oder aktiviert worden sind.

In Europa wurde der Impfstoff von Johnson & Johnson Mitte März zugelassen, bislang aber noch kaum verwendet. Die USA hatten den Export des ursprünglich von der belgischen Johnson-&-Johnson-Tochter Janssen entwickelten Impfstoffs zunächst verboten, die Ausfuhren in die EU begannen somit erst am vergangenen Montag. Bis Ende Juni soll die EU insgesamt 55 Millionen Dosen des Impfstoffs erhalten, zehn Millionen gehen an Deutschland. Von dem Impfstoff ist anders als bei den bisher in der EU verwendeten Vakzinen statt zweien nur eine Dosis pro Impfling nötig.

Wer diese Impfdosen jetzt erhält? Auch die EMA untersucht derzeit ein mögliches Auftreten von Hirnvenenthrombosen nach der Impfung mit dem Johnson-&-Johnson-Vakzin. Sie ist aber noch nicht zu einer abschließenden Bewertung gelangt.

© SZ
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