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Corona:Wunschtraum Herdenimmunität

Alle immun? Bewohner der brasilianischen Stadt Manaus Ende September.

(Foto: Michael Dantas/AFP)

In der brasilianischen Stadt Manaus hat das Coronavirus ungehemmt gewütet und viele Opfer gefordert. Wurde dort womöglich die Durchseuchung erreicht?

Von Kathrin Zinkant

Nur wenige Wochen soll es nach der ersten Infektion im März gedauert haben, bis die Totengräber nicht mehr damit hinterherkamen, neue Gruben für die Opfer auszuheben. Die Zahl der Menschen, die sich mit dem neuen Virus ansteckten, wuchs unerbittlich, im Mai erlagen täglich bis zu 80 Menschen in der brasilianischen 1,8-Millionen-Einwohner-Metropole Manaus ihrer Covid-19-Erkrankung, das Gesundheitssystem ächzte - und nicht wenige Mediziner fürchteten den Zusammenbruch, denn Maßnahmen wurden kaum ergriffen.

Doch dann kam für die Stadt Manaus die fast wundersame Erlösung. Während das Virus in weiten Teilen Brasiliens weiter wütete und bis heute grassiert, sanken die Infektionszahlen in der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas seit dem Höhepunkt des Ausbruchs im Mai. Und zwar, ohne dass rigorose Maßnahmen ergriffen worden wären. Im Gegenteil, die wenigen Regeln, die es gab, wurden bald gelockert. Was also war passiert?

Womöglich hat die Millionenstadt die Sars-CoV-2-Welle einfach durchgestanden und das entwickelt, wovon manche seit Beginn der Pandemie träumen: eine Herdenimmunität. Das zumindest soll die Studie eines internationalen Teams aus Gesundheitsfachleuten nahelegen, die vor wenigen Tagen auf dem Preprintserver medRxiv.org erschienen ist. Die Experten aus Virologie, Epidemiologie und Medizin haben für ihre Untersuchung mehrere Tausend Blutspenden aus verschiedenen Phasen des Ausbruchs in Manaus und São Paulo mithilfe von zwei verschiedenen Antikörpertests untersucht. Solche Tests können zeigen, ob jemand bereits mit dem neuen Coronavirus angesteckt gewesen ist. Wie die Autoren nun darlegen, sind in Manaus nach ihrer Analyse zwei Drittel der Bevölkerung bereits mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen - und damit zumindest vorübergehend immun geworden.

Der Preis war brutal hoch: Viele Tote und unzählige Schwerkranke

Die Studie ist zwar vorläufig und noch nicht von Fachkollegen begutachtet. Dennoch sind die Ergebnisse der brasilianischen, amerikanischen und britischen Forscher bemerkenswert. So stimmt die Quote einer zu 66 Prozent infizierten Bevölkerung auffallend mit den Prognosen mancher Experten für eine sogenannte Herden- oder Gemeinschaftsimmunität überein. Wird eine solche Herdenimmunität etwa bei den Masern erreicht, findet das Virus nicht mehr genügend neue Opfer für eine Übertragungskette. So könnte es in Manaus nun mit Sars-CoV-2 gewesen sein.

Die zweite Erkenntnis erscheint noch gewichtiger: Falls die Wissenschaftler recht behalten, ist der Preis für diesen Sieg über das Virus brutal hoch gewesen. Schätzungsweise 4200 Tote und eine nicht zu beziffernde Zahl Schwerkranker, von denen manche lebenslang mit den Folgen von Covid-19 zu kämpfen haben werden - so würde die Bilanz nach den Ergebnissen des Forscherteams für diese eine Stadt lauten. Eine Stadt auch noch, die sogar für brasilianische Verhältnisse eine ausnehmend junge Altersstruktur hat. Die Mehrheit der Einwohner ist 30 Jahre oder jünger. Das könnte einerseits erklären, warum sich das Virus so schnell ausbreitete, immerhin sind jüngere Menschen mobiler und oft auch geselliger. Auf der anderen Seite hätte der Ausbruch mit großer Wahrscheinlichkeit eine deutlich höhere Zahl von Menschenleben gefordert, wären die Bewohner von Manaus im Durchschnitt älter - wie zum Beispiel in deutschen Städten.

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Doch obwohl die Studie damit durchaus einen Eindruck dessen bietet, was passiert, wenn man auf Maßnahmen verzichtet und das Virus freie Bahn hat, enthält sie für klare Projektionen wohl doch zu viele Unwägbarkeiten. "Die Zahl der untersuchten Probanden ist sehr klein im Vergleich zur Bevölkerung - und es handelt sich nicht um eine repräsentative Stichprobe", sagt Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Der Epidemiologe warnt davor, die Ergebnisse vorschnell zu übertragen - auch wenn es möglich sei, dass die Größenordnungen bezüglich der nachgewiesenen Antikörperhäufigkeit ins Bild passen.

Eine zweite Infektion mit dem Coronavirus verläuft wahrscheinlich mild

Was das für die Zukunft von Manaus' Bevölkerung in der Pandemie bedeuten wird, ist ebenfalls unklar. Schon mehrmals haben Untersuchungen gezeigt, dass Antikörper aus dem Blut von Genesenen wieder verschwinden, das zeigt auch die aktuelle Studie. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass zweite Infektionen möglich sind, auch wenn sie möglicherweise eher mild verlaufen. "Wir gehen davon aus, dass von Covid-19 Genesene nur sehr selten noch einmal schwer an Covid-19 erkranken können", sagt Krause. Dass Herdenimmunität durch ein entfesseltes Virus anzustreben wäre, geschweige denn eine Lösung des Pandemie-Problems wäre, lässt sich aus dem Beispiel Manaus aber sicherlich nicht folgern. "Abgesehen von der Frage, ob dieser Effekt nachhaltig ist, gilt es zu bewerten, zu welchem sozialen und gesundheitlichen Preis dieser erkauft wurde", sagt der Epidemiologe.

Die vergangene Woche dürfte dies unterstreichen. Kurz nach der Vorveröffentlichung der Studie haben die Infektionszahlen in Manaus wieder zugenommen. Bars und Restaurants müssen schließen, Läden dürfen nur eingeschränkt öffnen. Die zweite Welle kommt, sagen Experten. Und sie zeigt, dass eine Herdenimmunität im Fall von Covid-19 womöglich ein Wunschtraum bleibt.

© SZ
Intensivbett Uniklinikum Dresden Ein Intensivbett in einer Intensivstation der Uniklinik Dresden. Links neben dem Bett s

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