Contergan in Spanien Die Anwälte der Opfer haben verdächtige Dokumente gefunden

In Spanien hießen die Pillen anders, es gab mehrere Medikamente, die Thalidomid enthielten, das bekannteste war Softenon. Die Werbung pries es als Mittel gegen Nervosität, Schlaf- und Menstruationsstörungen an, Nebenwirkungen: Fehlanzeige. Grünenthal hat die Tabletten für Spanien allerdings nicht selbst hergestellt, sondern insgesamt 160 Kilogramm an "Schüttware" dafür geliefert. Verpackung und Vertrieb übernahmen einheimische Pharmafirmen. Softenon wurde bis Mai 1962 ausgeliefert.

Das spanische Gesundheitsamt annullierte die Lizenzen für die meisten Thalidomid-Produkte erst zwischen Oktober 1962 und Januar 1963 - aber nicht, weil es von Grünenthal gewarnt worden ist, sondern aufgrund von Presseberichten über den Contergan-Skandal in Deutschland.

Heute streiten die Juristen, wer für diese Verzögerung und die fehlende Unterrichtung der spanischen Öffentlichkeit verantwortlich ist: die Behörden, die Lizenznehmer oder der deutsche Produzent? Die Anwälte von Avite stellten den Antrag, die längst eingelagerten Akten des Contergan-Prozesses von 1968 zu studieren.

Ihre Reise zum Landesarchiv Düsseldorf hat sich aus ihrer Sicht gelohnt: Es fanden sich Kopien der Korrespondenz zwischen Grünenthal und den Lizenznehmern. So bestätigte die Firmenzentrale dem Madrider Vertragspartner Medinsa am 21. Dezember 1961, dass man damit einverstanden sei, "den spanischen Ärzten den Grund des Verkaufsstopps nicht mitzuteilen". Ein zweiter Geschäftsbrief erhärtet den Verdacht, dass man damals gezielt vertuschen wollte: Medicamentos Internacionales fragte bei Grünenthal an, ob man gegen die Annullierung der Lizenzen für die Tabletten Beschwerde einlegen solle. Demnach kannte man bei der spanischen Firma nicht den wahren Grund dafür, sagen die Avite-Experten.

Da es in Spanien nie eine Informationskampagne über die Nebenwirkungen von Thalidomid gab, waren die Tabletten weiter im Umlauf. Basterrechea wurde erst vier Jahre nach dem deutschen Contergan-Skandal geboren. Seine Mutter berichtet, sie habe das Mittel von einem Arzt in der Provinz bekommen. Das letzte Contergan-Kind wurde laut Avite 2003 geboren.

Grünenthal bestreitet allerdings jede Verantwortung: Für den Vertrieb in Spanien seien allein die Lizenznehmer verantwortlich gewesen. In Kürze werden Rafael Basterrechea und seine Leidensgenossen erfahren, ob sich das Gericht in Madrid dieser Auffassung anschließt.