Chronischer Schmerz:Schmerzmedizin ist kein Pflichtfach im Studium

Die Standesvertreter schneiden damit ein sensibles Thema an. Schließlich haben sie selbst die Schmerzmedizin lange vernachlässigt. Erst im Jahr 2016 soll sie ein Pflichtfach im Studium werden. Anders als etwa in den USA gibt es hierzulande keinen Facharzt für dieses Gebiet. Die Zusatzqualifikation Schmerzmedizin kann jeder Facharzt erwerben, im Jahr 2012 führten diesen Titel etwa 4700 Mediziner, weniger als ein Drittel von ihnen aber sind echte Spezialisten, die sich hauptsächlich um Schmerzpatienten kümmern. Ohne Facharzt gibt es keine Regel für die Verteilung. Bei Gynäkologen und Zahnärzten ist genau festgelegt, wie viele Ärzte in jeder Region gebraucht werden, bei Schmerzmedizinern nicht.

Was es heißt, wenn einen unkundige Ärzte behandeln, kann Heike Drechsler ziemlich genau berichten. Sie hat über die Jahre vom Heilpraktiker bis zum Allergologen alle möglichen Doktoren konsultiert. Der HNO-Arzt etwa tippte - da Drechsler gerade auch verschupft war - auf Gliederschmerzen. Der Orthopäde deutete ihre steifen Finger als Zeichen für einen verengten Karpaltunnel, jener Röhre, in der die Nerven vom Unterarm zum Handgelenk verlaufen. Der Tunnel wurde in einer Operation an beiden Händen geöffnet. Das taube Gefühl blieb. Drechsler schüttelt die Hände, knetet ihre Finger. "Tippen am Computer kann ich oft nur mit zusammengebissenen Zähnen", sagt sie.

So geht es nicht nur Menschen mit vergleichsweise schwer zu erklärenden Leiden wie Drechsler, bei der man am Ende unheilbaren Faser-Muskel-Schmerz, die sogenannte Fibromyalgie, diagnostizierte. Auch Patienten mit Kreuzweh landen immer wieder auf dem OP-Tisch, obwohl vielen damit laut medizinischen Leitlinien nicht geholfen ist. Bei Patienten etwa, die zusätzlich an Depressionen leiden, bringt die Operation häufig nichts.

Denn Schmerzen haben in den seltensten Fällen allein körperliche Ursachen. In seinem Arztzimmer klopft Bernhard Arnold, Chefarzt des Dachauer Schmerzzentrums, energisch auf den Tisch, als wolle er diese Weisheit einhämmern. Als Beispiel erzählt er vom Gewicht des Kopfes, das auf die Wirbelsäule drücke. Jeder zweite Mensch über 60 habe deshalb verformte Halswirbel. Aber längst nicht jeder habe Schmerzen. "Es muss noch mehr Erklärungen geben", sagt Arnold. In seinem Zentrum bietet er die sogenannte multimodale Schmerztherapie an, einen Mix aus Medikamentenbehandlung, Gymnastik und Gespräch. Diese Therapie stellt selten die Schmerzen einfach ab, wohl aber das Leid.

Schmerzen entstehen im Kopf, lautet das Credo der Mediziner. Der Körper spürt ein Zwicken und meldet das als Alarmsignal ans Gehirn. Erst das Gehirn aber bewertet den Schmerz. Wenn Patienten lernen, diesen Reiz weniger wichtig zu nehmen, empfinden sie am Ende auch weniger Schmerzen. Das lässt sich messen. "60 Prozent unserer Patienten kehren an ihren Arbeitsplatz zurück", sagt Arnold. Er zieht Folien heraus, blättert in Studien, die belegen, dass die multimodale Therapie für bestimmte Patienten erfolgreicher ist und dazu für die Kassen billiger. Trotzdem hat sich die Zahl der Operationen am Rücken zuletzt mehr als verdoppelt.

Dass die Eingriffe nicht immer nötig sind, zeigen auch Erfahrungen der Techniker Krankenkasse, die ihren Versicherten vor einer Rücken-OP eine Zweitmeinung in einem Schmerzzentrum anbietet. 80 Prozent der Patienten verzichten hinterher auf die OP.

In Dachau ist Heike Drechsler mit den anderen Patienten am Nachmittag zwei Kilometer stramm marschiert. Als die Gruppe zurückkommt, glänzen die Gesichter vor Anstrengung. Drechsler stahlt. Und die Schmerzen? Drechsler muss kurz nachdenken: Doch, sagt sie dann, sie sind noch da. Aber das sei nicht mehr so wichtig: "Man darf dem Schmerz nie wieder so viel Raum geben."

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