Chronische Schmerzen Die Rolle der Seele

Dabei spielt die Seele nur zum Teil eine Rolle, wenn Schmerzen chronisch werden. "Wir wissen heute, dass das keine psychiatrischen Patienten sind", betont Casser. Vielmehr hat sich die Pein im Gehirn festgesetzt. "Beim Schmerz ist es fatal, dass unser Nervensystem extrem lern- und veränderungsfähig ist", sagt Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Gehirn und Rückenmark merken sich Schmerzreize, die etwa wegen einer falschen Haltung am Computer oder wegen eines verspannten Rückens immer wiederkehren. Es bildet sich ein Schmerzgedächtnis aus, das auch bestehen bleibt, wenn der Schmerzreiz nicht mehr vorhanden ist. "Wenn der Hexenschuss ins Kreuz jagt, denkt der Patient oft: Das war die falsche Bewegung", sagt Müller-Schwefe. "Dabei war sie nur der Auslöser. Die ganze Zeit hat sich der Patient schon falsch gehalten oder bewegt."

Die Seele muss dennoch meist mitbehandelt werden. Denn "Schmerz ist mehr als eine Nervenerregung", wie Andreas Kopf sagt. Oft kommt zum körperlichen Leid das psychische hinzu. "Der Patient hat Angst vor der Zukunft. Er wird auf Dauer sozial isoliert, weil er nicht an Unternehmungen teilnehmen kann. Am Ende droht der Verlust des Partners und des Arbeitsplatzes", erzählt Kopf. Noch dazu reagieren Schmerzgeplagte schon aufgrund biochemischer Prozesse besonders leicht gestresst.

Manchmal ist aber auch zuerst die seelische Pein da: Ein Mensch leidet schon lange unter Lieblosigkeit in der Partnerschaft oder fehlender Anerkennung im Beruf; dann kommt nur noch ein kleines körperliches Ereignis hinzu, er hebt zum Beispiel ein Paket, und der Rückenschmerz ist da und will nicht mehr fort. "Nicht der Schmerz macht das Leben unerträglich, sondern das Leben macht den Schmerz unerträglich", sagt Andreas Kopf und meint damit: Schmerz macht nur krank, wenn es zusätzliche Belastung in Beruf oder Familie gibt.

Tunnelblick auf einen Lendenwirbel

Schmerz ist ein komplexes Phänomen. Deshalb treffen Patienten in spezialisierten Schmerzzentren immer auf ein Team von Behandlern, die sich dem Leid mit Methoden der Schmerztherapie, der Psychologie und der Physiotherapie nähern. "Auf diese Patienten ist mehr noch als auf andere eine ganzheitliche Sicht nötig", so Kopf, "der Tunnelblick auf einen Lendenwirbel ist völlig unangebracht."

Was führende Schmerzexperten jetzt so selbstverständlich fordern, ist Folge eines langen Lernprozesses. Noch Mitte der 1980er Jahre verordneten Ärzte jedem zweiten Patienten, der sie wegen Rückenschmerzen aufsuchte, strikte Bettruhe. Inzwischen ist klar, dass das kontraproduktiv ist. Vielmehr sollten sie die Betroffenen zu Bewegung animieren - auch weil diese sich aus Angst vor neuem Leid oft ein Vermeidungsverhalten oder eine ungesunde Körperhaltung angewöhnt haben, was einen Teufelskreis in Gang setzt. "Eine gute Bewegungstherapie kann Abhilfe schaffen", sagt Kopf.

Dabei sollten Psychologen den Patienten auch die Angst vor der Bewegung nehmen, sagt Michael Pfingsten, Präsident der Deutschen Gesellschaft für psychologische Schmerztherapie: "Es ist wichtig, sie darüber aufzuklären, dass Rückenschmerzen meist einen gutartigen Charakter haben." Zu den befürchteten Lähmungen komme es fast nie.

Wer sich über den multifaktoriellen Hintergrund chronischer Schmerzen im Klaren ist, der muss auch nicht verzweifelt nach körperlichen Ursachen suchen. "Früher wurde häufig gelehrt, dass der Arzt vor jeglicher Schmerzbehandlung erst die Ursache genau abklären müsste, damit er sie nicht kaschiert", sagt Hans-Raimund Casser. "Heute sehen wir es als vorrangige Pflicht des Arztes an, den Schmerz zu lindern."