Süddeutsche Zeitung

Chlor im Trinkwasser:Mit Chemie gegen den Dreck

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Die Nachricht verunsichert viele Verbraucher in Bayern: Die Stadtwerke in München und Rosenheim desinfizieren das Trinkwasser derzeit mit Chlor. Muss das sein? Und wie kann sich die Chemikalie auf den Menschen auswirken?

Katrin Blawat

Die Niederschläge waren selbst für die Alpenregion ungewöhnlich heftig: In der vergangenen Woche fiel zeitweise im Mangfall- und Loisachtal innerhalb eines halben Tages so viel Regen wie sonst in einem ganzen Monat. Die Wassermassen überforderten nicht nur Regenrinnen und Gullys.

Sie könnten auch verhindern, dass der Boden wie sonst als natürlicher Filter für Keime wirkt. Dies zumindest befürchten die Stadtwerke München - und fügen dem Trinkwasser, das die Münchener aus dem Mangfall- und Loisachtal beziehen, Chlor als Desinfektionsmittel zu. In Rosenheim sollen die Bürger das ebenfalls gechlorte Leitungswasser zusätzlich abkochen.

Die Nachricht verunsichert viele Verbraucher. Heißt es nicht immer, Wasser aus der Leitung sei das am besten kontrollierte und sicherste Lebensmittel? "Dem stimme ich nach wie vor zu", sagt Ingrid Chorus, Leiterin der Abteilung für Trinkwasserhygiene des Umweltbundesamtes (Uba). Warum aber ist das Chlor dann notwendig - und ist es vielleicht sogar selbst ein Gesundheitsrisiko?

Das Chlor stellt sicher, dass sich im Trinkwasser keine Fäkalkeime befinden. Da es zu aufwendig wäre, das Wasser auf jeden möglicherweise auftretenden Keim hin zu untersuchen, gehen Kontrolleure nach dem sogenannten Indikatorprinzip vor.

Als "Zeigerkeim" gilt E. coli. Zu ihm gehören nicht nur die gefährlichen Ehec-Erreger, sondern auch viele harmlose Varianten, die keine Beschwerden hervorrufen und die der menschliche Darm sogar braucht. In 100 Millilitern Trinkwasser darf sich aber kein einziger E.-coli-Keim befinden, egal ob ungefährlich oder krankheitserregend.

Besteht wie derzeit in München das Risiko, dass dieser Wert überschritten werden könnte, sind Chlor und die chemisch verwandte Substanz Chlordioxid die üblichen Desinfektionsmittel. Die Trinkwasserverordnung erlaubt 0,3 Milligramm Chlor pro Liter Wasser - deutlich weniger als in anderen Ländern. Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten setzt zudem etwa die Hälfte der deutschen Wasserversorger Chlor nicht mehr routinemäßig zu. "In England und den USA fragt man sich, wie wir Deutschen uns das trauen können", sagt Uba-Expertin Chorus.

Entscheidend für die Chlor-Frage ist vor allem der Untergrund. Etwa 80 Prozent der Deutschen beziehen ihr Trinkwasser aus tief gelegenem Grundwasser. Liegen solche Reservoirs unter lockerem oder sandigem Boden, gelten sie normalerweise als recht gut geschützt vor Keimen, die das Regenwasser mit sich spült. Der Boden funktioniert dann wie ein Kaffeefilter: Krankheitserreger bleiben hängen und gelangen nicht ins Grundwasser.

Desinfektionsmittel werden allerdings nötig, wenn der Boden durch starken Regen mit Wasser gesättigt ist. "Dass wir chloren müssen, kommt vielleicht einmal im Jahr vor", sagt Christian Miehling von den Münchner Stadtwerken. Besonders karstiger Boden, wie es ihn stellenweise in Süddeutschland gibt, hat hingegen unabhängig von der Regenmenge keine gute Filterfunktion: Die zahlreichen großen Risse im Gestein lassen zu viel durch, was nicht ins Trinkwasser gehört. "Bei steinigem Untergrund ist der Aufwand viel höher, um gutes Wasser zu erhalten", sagt Chorus.

Angst vor Krebs

Zum Einsatz kommen dann oft weitere Desinfektionsmethoden: Ozon und UV-Strahlen. Beides sei sehr wirkungsvoll, sagt Martin Exner, Leiter des Hygiene-Instituts der Universität Bonn. Allerdings darf das Ozon, im Gegensatz zum Chlor, im Trinkwasser nicht mehr enthalten sein; man muss es also wieder entfernen - und das Risiko in Kauf nehmen, dass sich auf den Weg bis zum Verbraucher neue Keime im Wasser verbreiten.

Das gleiche Problem stellt sich, wenn das Wasser im Wasserwerk an starken UV-Lampen vorbei strömt. Die Strahlen können zwar auch Parasiten vernichten, denen Chlor nichts anhaben kann. "Es bleibt aber das Risiko einer späteren, erneuten Verunreinigung", sagt Exner.

Vieles spricht also für Chlor als Desinfektionsmittel, gäbe es nicht die Angst vor der möglicherweise krebsfördernden Wirkung der sogenannten "Disinfection Byproducts". Enthält Trinkwasser dauerhaft hohe Chlorkonzentrationen - in Studien lagen sie über dem deutschen Grenzwert -, bilden sich Nebenprodukte wie etwa Trichlormethan. Diese sollen einigen Untersuchungen zufolge das Krebsrisiko leicht erhöhen. Eindeutig sind die Ergebnisse jedoch nicht, außerdem kaum auf die Verhältnisse in Deutschland übertragbar.

Andere Verunreinigungen als Mikroorganismen machen dem zuständigen Umweltbundesamt zufolge wenig Probleme beim Trinkwasser. "Die Belastung mit Nitrat aus Dünger ist sehr stark zurückgegangen", sagt Chorus. Viele Gewinnungsgebiete liegen in Schutzzonen, in denen die Landwirte den Nitratgehalt im Boden niedrig halten müssen. Zu Rückständen von Arzneimitteln im Trinkwasser ist die Datenlage dünn; in einigen Proben tauchten allerdings gelegentlich Wirkstoffreste im Nanogramm-Bereich auf, so Chorus.

Sorgen bereitet ihr etwas anderes: die Brunnen in Privathaushalten und ähnliche "Kleinstversorger", die etwa eine Million Menschen mit Trinkwasser beliefern. Während die großen Wasserversorger täglich die Keimbelastung prüfen, ist dies für Brunnen unterhalb einer Kapazität von 10 000 Kubikmeter nur einmal jährlich vorgeschrieben. "Zudem fehlt dort oft die Expertise, um die Daten beurteilen zu können", sagt Chorus. "Ich würde aus so einem Brunnen nicht unbedingt trinken."

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Quelle:
SZ vom 19.07.2011/mcs
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