Chirurgie in der Schwangerschaft Interessant in ökonomischer Hinsicht

Doch die Möglichkeiten der modernen Frühgeborenenmedizin machten die Probleme handhabbar, so Kohl. Das Risiko für den Fetus, durch den Eingriff zu sterben, sei nach seiner Datenlage nur etwa doppelt so groß wie bei einer normalen Fruchtwasseruntersuchung. Für die Mütter sei seine minimalinvasive Methode außerdem deutlich nebenwirkungsärmer als die Spina-bifida-Operation am offenen Uterus.

Doch aus der Chirurgen- und Kinderärzteschaft erfährt Kohl viel Gegenwind. "Das Verfahren ist interessant, aber nicht einsatzfähig", mahnt Kinderneurochirurg Ernst-Johannes Haberl. "Es gibt keine kontrollierten Daten, welche die Sicherheit und Wirksamkeit des Eingriffs belegen." Auch Martin Meuli hält die Methode für nicht ausreichend untersucht und ausgereift: "Man muss sich an den gesetzten Standards messen." Den Einwand fehlender Evidenz hält Kohl für ein "Totschlagargument", die jegliche "Pionierarbeit" diskreditiere und verzögere. Es wäre vielmehr "unethisch", Patienten in Kontrollgruppen zu verteilen, wenn doch die Vorteile des vorgeburtlichen Eingriffs auf der Hand liegen.

Interessant dürften pränatale Operationen der Spina bifida für Spezialzentren aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht sein: Während das ebenfalls zu behandelnde Zwillingstransfusionssyndrom nur bei etwa einer von 2500 Schwangerschaften auftritt und andere pränatal operierte Krankheitsbilder wie bestimmte Tumoren noch viel seltener sind, wird ein Wirbelspalt bei jedem 800. Fetus diagnostiziert.

Dass deshalb forsch operiert werde, verneint Kurt Hecher, Direktor der Klinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: "Niemand sticht leichtfertig in den Uterus." Für echte Konkurrenz sei das Gebiet ohnehin zu speziell. Viel eher müssten sich die europäischen Zentren für Fetalchirurgie vernetzen, um die verschiedenen Indikationen und Techniken zu standardisieren. "Es kann nicht jeder alles machen."

Gerade nimmt Hechers Abteilung an einer Studie im belgischen Leuven teil, in der Feten behandelt werden, deren Lungen sich nicht richtig entwickeln, weil Bauchorgane durch ein kaputtes Zwerchfell in die Brusthöhle ragen. Mit der sogenannten FETO (fetoskopische endoluminale Trachealokklusion) sondiert der Operateur die Luftröhre des Ungeborenen und bläst dort einen Ballon auf. Das soll die Lunge bei der Entfaltung unterstützen. Wie sehr betroffene Kinder langfristig von der Maßnahme profitieren, soll die Untersuchung zeigen.

Dass sich die Fetalchirurgen für ihre Studien europaweit vernetzen müssen, liegt aber vor allem an einer anderen Konsequenz pränataler Diagnostik, sagt Kurt Hecher: "Es gibt nur wenige Operationskandidaten, weil die meisten Kinder, bei denen der Arzt eine Fehlbildung vorgeburtlich feststellt, abgetrieben werden."