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Neues Coronavirus:WHO erklärt keinen weltweiten Gesundheitsnotstand

Auch in Südkorea ist das Virus inzwischen angekommen. Die WHO will eine weitere Ausbreitung verhindern.

(Foto: AFP)
  • Ein Expertengremium der WHO hat vorläufig entschieden, dass der aktuelle Ausbruch eines neuen Virus in China keine globale Gefahr darstellt.
  • Bei einer solchen Klassifizierung geht es allerdings weniger darum, wie gefährlich ein Erreger ist, sie ist vielmehr eine Warnung an die Länder, damit diese frühzeitig Vorkehrungen treffen.
  • Die WHO kann nur Empfehlungen für konkrete Maßnahmen aussprechen, rechtlich verbindlich sind diese jedoch nicht.

Neue Seuchen sind immer ein Grund zur Sorge. Ob diese Sorge berechtigt ist, erweist sich gerade am Anfang einer Epidemie als komplexe Abwägungsentscheidung. Im Fall des aktuellen Ausbruchs eines neuen Virus in China haben sich Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO am späten Mittwochabend vorläufig entschieden, keinen sogenannten PHEIC zu erklären. PHEIC steht für Public Health Emergency of International Concern und beschreibt laut WHO ein Ereignis, das "durch die internationale Verbreitung von Krankheit ein öffentliches Gesundheitsrisiko für andere Staaten darstellt und potenziell eine koordinierte internationale Reaktion erfordert". Einfacher ausgedrückt geht es um einen internationalen Gesundheitsnotfall oder Gesundheitsnotstand.

Bisher gelten die Reaktionen der chinesischen Behörden als vorbildlich

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Dass sich die Meldungen über das neue Virus zu überschlagen scheinen, ist auch ein gutes Zeichen. Es zeugt davon, dass der Ausbruch vergleichsweise schnell und transparent aufgeklärt wird.   Kommentar von Berit Uhlmann

Ein PHEIC ist demnach ein Worst-Case-Szenario. Man sollte sich von der Wortwahl dennoch nicht übermäßig beunruhigen lassen, denn selbst ein PHEIC bedeutet noch keine unmittelbare, weltumspannende Katastrophe. Er sagt zunächst auch nichts über die Gefährlichkeit eines Erregers für Einzelne aus. Die WHO nutzt die Kategorie als frühe Warnung für ihre Mitglieder, damit diese Vorkehrungen treffen können, falls später wirklich etwas aus dem Ruder läuft. Ein Kriterium für die Warnung ist, dass sich eine bekannte, potenziell gefährliche Krankheit oder ein neuer Erreger über Landesgrenzen oder Kontinente hinweg ausbreitet. Die WHO kann mit einem PHEIC dann erhöhte Aufmerksamkeit bewirken und erhält auch besondere Kompetenzen. So kann sie Informationen über das Seuchengeschehen ohne das Einverständnis des Landes weitergeben, aus dem die Informationen stammen. Sie spricht zudem Empfehlungen für Maßnahmen aus. Rechtlich bindend sind diese Empfehlungen jedoch auch im Fall eines internationalen Gesundheitsnotstands nicht. Die Länder bleiben souverän in ihrem Handeln.

Dennoch ist der PHEIC ein wichtiges Instrument für die WHO. Eingeführt wurde die Kategorie zusammen mit den "Internationalen Gesundheitsvorschriften" nach der Sars-Epidemie. Der ebenfalls zu den Coronaviren zählende Sars-Erreger hatte 2002 und 2003 weltweit fast 10 000 Menschen infiziert und jeden zehnten von ihnen getötet. Obwohl die ersten Fälle in China bereits Ende 2002 aufgetreten waren, informierte die chinesische Regierung die WHO damals aber erst im Februar 2003 über die neue Seuche und verhinderte damit eine rasche internationale Reaktion.

Die 2005 beschlossenen Gesundheitsvorschriften sollen verhindern, dass derlei noch einmal passiert. Die 194 Mitgliedsstaaten haben sich politisch verpflichtet, Ausbrüche von Seuchen unmittelbar zu melden und im Falle eines PHEIC auch den Empfehlungen der WHO zu folgen. Im aktuellen Fall des neuen Coronavirus verhalten sich die chinesischen Behörden bisherigen Berichten zufolge vorbildlich.

Inwieweit ein internationaler Gesundheitsnotstand Schlimmeres verhindern wird oder womöglich umgekehrt eine Überbewertung des Erregers darstellt, ist allerdings auch für die Experten der WHO nicht unbedingt im Voraus zu erkennen. So erwies sich 2009 die zum PHEIC erklärte Pandemie des als "Schweinegrippe" bekannten Influenzavirus H1N1 als weit weniger gefährlich als anfänglich befürchtet. Der Erreger breitete sich zwar rasch aus, löste in den allermeisten Fällen jedoch nur milde Erkrankungen aus - ganz anders als etwa die Spanische Grippe des Jahres 1918, die weltweit mindestens 25 Millionen Menschenleben gefordert hatte und bis heute das Schreckensbild einer Grippepandemie prägt.

Der Beschluss zur sogenannten Schweinegrippe brachte der Organisation einige Kritik ein

Die Genfer UN-Behörde erntete später von vielen Seiten die Kritik, mit der Einstufung von H1N1 als internationalem Notfall eine globale Panik befördert zu haben. Allerdings bleibt festzuhalten, dass die WHO trotz des stets sehr regen Seuchengeschehens weltweit eher sparsam mit ihren PHEIC-Erklärungen umgeht. Insgesamt fünf Mal wurde dieser Alarm seit 2005 ausgelöst. Zwei Mal wegen der schweren Ausbrüche des hochgefährlichen Ebola-Erregers in Afrika, außerdem wegen des an sich zwar wenig gefährlichen Zika-Virus, der bei infizierten Schwangeren allerdings zu starken Fehlbildungen des Ungeborenen führt. Auch die massive Rückkehr des Polioerregers, der als beinahe ausgerottet galt, wurde von der WHO 2012 zum PHEIC erklärt; diese Warnung hat nach wie vor Bestand.

Nicht erklärt wurde ein Notstand dagegen für den Erreger des Middle East Respiratory Syndrom, kurz Mers, der ebenfalls zu den Coronaviren zählt. Das potenziell tödliche Virus nahm seinen Ursprung im Nahen Osten, sprang von 2013 an vereinzelt auf andere Länder über und löste schließlich sogar einen Ausbruch mit fast 200 Fällen in Südkorea aus. In mehreren Expertentreffen der WHO im Sommer 2015 wurde jedoch wiederholt festgestellt und bekräftigt, dass das Virus keine Gefahr für die Weltbevölkerung darstelle.

Ob dies dauerhaft so bleibt oder ob sich der Mers-Erreger noch verändert und dann wirklich gefährlich wird - das können die WHO-Experten genauso wenig beantworten wie die Frage, ob in diesen Tagen nicht an einem anderen Ort auf der Erde ein völlig anderer, wahrhaft schlimmer Erreger seinen Sprung auf den Menschen vollzieht. Fest steht nur, dass die WHO weltweit die Augen offen hält, um solche Ereignisse möglichst früh zu erkennen - und dabei auf ihre Mitgliedsländer angewiesen ist.

© SZ vom 23.01.2020
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