Süddeutsche Zeitung

Cannabis-Konsum:Gefahr in Tüten

Cannabis gilt als weiche Droge und wird gesellschaftlich immer stärker akzeptiert. Dabei zeigen gerade neuere Forschungsarbeiten die Risiken des Kiffens auf.

"Morgens ein Joint, und der Tag ist dein Freund", gab Peter Fonda in Easy Rider einst zum Besten, und das bedröhnte Kinopublikum grinste wissend mit. Seit den 1970er-Jahren, gewissermaßen in einem Atemzug mit Rock und Studentenrebellion, etablierte sich der Konsum der Cannabispflanze - also ihrer Produkte Haschisch und Marihuana - in der westlichen Jugendkultur. Erlaubt war die Kifferei zwar nicht, aber ja auch nicht so richtig gefährlich - genau das Richtige für Heranwachsende, die spielerisch nach Grenzerfahrungen suchten.

Mittlerweile sind die Hippies alt, diverse kiffende Generationen nachgewachsen und die Droge scheint endgültig in der Gesellschaft angekommen zu sein. In den USA verabschiedet man sich gerade von einer so restriktiven wie erfolglosen Drogenpolitik und hat die berauschenden Hanfprodukte in Colorado und Washington State für den privaten Gebrauch legalisiert. In Deutschland fordern Parteien wie Grüne, Linke und Piraten Ähnliches. Und der Umstand, dass Mediziner heilende Eigenschaften des Hanfs in den vergangenen Jahren zunehmend erforscht, erprobt und kommuniziert haben, fördert sein Image vom sanften Kraut noch zusätzlich.

Jüngere Forschungsarbeiten hingegen, welche die Gefahren des Cannabiskonsums untersucht haben, kommen zu ganz anderen Schlüssen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im New England Journal of Medicine (NEJM) zeigt: Cannabis kann süchtig machen. Es beeinträchtigt Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Sein dauerhafter Gebrauch mindert Karrierechancen und Lebenszufriedenheit. "Die Arbeit fasst neuere Studienergebnisse gut zusammen, die zeigen, dass Kiffen nicht so harmlos ist, wie lange angenommen wurde", sagt Berend Malchow von der Klinik für Psychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München, "solche medizinischen Erkenntnisse kommen in der Debatte um Legalisierung ein bisschen zu kurz."

Suchtpotenzial ist chronisch unterschätzt worden

Die Autoren vom US-amerikanischen National Institute on Drug Abuse (NIDA) in Bethesda, Maryland, haben fast 80 einschlägige Studien aus den vergangenen zehn Jahren ausgewertet und dabei einige ernste Trends ausgemacht. Vor allem das Suchtpotenzial der Droge ist offenbar chronisch unterschätzt worden, wie die Arbeit des Teams um die bekannte Hirnforscherin Nora Volkow zeigt: Etwa neun Prozent aller Kiffer rutschen in die Abhängigkeit, die durch hohen Konsum bei Toleranzentwicklung gekennzeichnet ist: Der Abhängige raucht jede Menge Zeug, wird aber kaum noch high davon, erlebt dafür Lethargie und Freudlosigkeit. Bei Abstinenz kann es zu Entzugserscheinungen in Form von Schlaflosigkeit oder Angstzuständen kommen. In den USA seien davon schätzungsweise 2,7 Millionen Menschen betroffen, was immerhin einem Drittel der Anzahl Alkoholabhängiger dort entspreche. In Deutschland sollen etwa 600 000 Menschen Haschisch und Marihuana in einem derart schädlichen Ausmaß zu sich nehmen, haben Wissenschaftler des Instituts für Therapieforschung erhoben. Cannabis-Erfahrungen hat jeder vierte Deutsche.

Gravierende Folgen durch Konsum in jungen Jahren

Volkow resümiert außerdem: Je jünger der Konsument, desto größer das Suchtrisiko. Dies liege bei Teenagern im Schnitt bei 16 Prozent, steige aber bei täglichem Konsum bis auf 50 Prozent. "Das Gehirn entwickelt sich bis Anfang 20 noch stark, was es für schädigende Einflüsse besonders anfällig macht", erläutert Berend Malchow den neurobiologischen Hintergrund.

Die Empfindlichkeit des reifenden Gehirns prädestiniert es offenbar auch für den Erwerb von Leistungsstörungen. Der berauschende Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) beeinträchtigt Gedächtnis und Aufmerksamkeit - unter Umständen langfristig. Einige Untersuchungen wiesen nach, dass starker Konsum in jungen Jahren zu Intelligenzminderung führt. Das untermauern auch Studien, die bei jungen Gewohnheitskiffern eine reduzierte Anzahl von Nervenverbindungen in Hirnregionen wie Hippocampus und Frontalhirn ausgemacht haben. Solche kognitiven Störungen schlagen sich allem Anschein nach auch biografisch nieder. So soll heftiger Marihuanagebrauch mit schlechten Schulnoten, geringerem Einkommen und niedrigerer Lebenszufriedenheit assoziiert sein.

Weniger gut belegt erscheint hingegen die oft gewähnte Eigenschaft von Cannabis, eine "Einstiegsdroge" zu sein. Zwar zitieren die US-amerikanischen Autoren epidemiologische Studien, die einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und anderen Drogensüchten festgestellt haben, doch lassen sie von den verschiedenen Erklärungen dafür auch die naheliegende nicht ungenannt, nämlich sinngemäß die, dass jeder Junkie irgendwann eben auch mal am Joint gezogen hat.

Der Zusammenhang zwischen dem Rauchen von Haschisch und Marihuana und der Entstehung von Psychosen scheint ebenfalls kein rein ursächlicher zu sein. "Viele Menschen im Vorstadium einer Psychose rauchen Cannabis, um erste Symptome der Krankheit zu unterdrücken", sagt Malchow. Allerdings könne die mild psychotische Wirkung der Droge eine Schizophrenie auslösen, wenn eine individuelle Empfindlichkeit für die Krankheit vorliegt. "Es ist aber wohl nicht so, dass in so einem Fall ohne Cannabis die Krankheit nie aufgetreten wäre," differenziert der Psychiater, "aber womöglich deutlich später."

Mehr Konsumenten und deutlich stärkeres Gras

Dass erst jetzt die eher unfreundlichen Seiten der Hanfpflanze umfassend erforscht werden, liege nicht nur am allgemeinen Fortschritt der medizinischen Forschung, glaubt der Psychiater: "Es gibt heute mehr Konsumenten und vor allem deutlich stärkeres Gras." Beides führe dazu, dass mehr Leute Probleme mit der Droge bekommen. Auf den Umstand steigenden THC-Gehaltes weist auch Volkow in ihrer Arbeit hin: Seit 1995 hat sich die Konzentration des Wirkstoffs verdreifacht, was den signifikanten Anstieg von marihuanabedingten Notfällen erklären könne. Solche akuten Probleme bestehen typischerweise in Angstzuständen, paranoidem Denken oder Übelkeit.

Bernd Werse vom Centre for Drug Research an der Universität Frankfurt am Main teilt diese Interpretation nur bedingt: "Früher wurde zumindest in Deutschland mehr Hasch geraucht, das von Natur aus stärker als Marihuana ist, sodass die THC-Dosen vermutlich gar nicht so sehr angestiegen sind." Der Soziologe glaubt, dass das die erhöhten medizinischen Fallzahlen vor allem aus der höheren Konsumentenzahl resultieren. Seit den 1990er-Jahren hat sich die Fraktion der Cannabisraucher etwa verdoppelt.

Werse will nicht ausschließen, dass die aktuelle Veröffentlichung vom NIDA auch politisch motiviert sein könnte, um einer weiteren Liberalisierung entgegenzuwirken: "In den USA prallen oft sehr extreme Positionen aufeinander. Nachdem Marihuana jahrzehntelang bekämpft wurde, wird es dort, wo es nun legal ist, kommerziell vermarktet." Vor eben dieser Entwicklung warnen auch Präventionsmediziner der Universität von Kansas City in einem kommentierenden Artikel im NEJM. Die Wissenschaftler argumentieren darin, dass es Parallelen zum Vorgehen der Tabakindustrie vor einigen Jahrzehnten gebe.

Zur gesellschaftlichen Debatte liefert Volkow indirekt Statements und führt aus, dass die Risiken von Drogenkonsum umso geringer eingeschätzt werden, je verbreiteter dieser ist. Demnach bestünde in der Legalität der Drogen Nikotin und Alkohol eine entscheidende Ursache ihrer negativen Folgen. Akzeptanz fördert den Konsum und damit die Probleme, lautet Volkows Hypothese. "Prohibition bedeutet dafür mehr Gefahr für den einzelnen Konsumenten," hält Werse dagegen. Es gelte, einen Mittelweg zu finden: "Legalisierung sollte nicht bedeuten, dass Cannabis offen beworben und unkontrolliert abgegeben wird."

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Quelle:
SZ vom 21.06.2014/dd
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