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Brustkrebs:Biomarker-Tests für Krebspatientinnen sind unzuverlässig

Krebszelle

Künstliche Intelligenz kann in der Radiologie helfen, Brustkrebszellen wie diese zu finden.

(Foto: Lutz Langbein/dpa)

Chemo oder nicht? Spezielle Gentests sollen Brustkrebs-Patientinnen die Entscheidung erleichtern. Eine aktuelle Stellungnahme zeigt: Ob die Tests wirklich nützen, ist reine Spekulation.

Genetische Tests liefern keine zuverlässige Entscheidungshilfe in der Frage, ob eine an Brustkrebs erkrankte Frau eine Chemotherapie bekommen sollte. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig). "Derzeit liegt kein Anhaltspunkt für einen Nutzen oder Schaden der Biomarker-basierten Strategie vor", heißt es in einer Mitteilung des Kölner Instituts.

Dieses Fazit ist für jährlich rund 20 000 Patientinnen in Deutschland von Bedeutung, die an einem hormonempfindlichen Brustkrebs erkranken und bei denen der Tumor auf die Brust beschränkt ist. In diesen Fällen gilt die Perspektive der Patientin generell als hoffnungsvoll, eine Chemotherapie ist nach der Operation nicht zwingend nötig. Die Behandlung mit den hochtoxischen Medikamenten kann schwere Nebenwirkungen haben und bleibende Organschäden hinterlassen. Andererseits kann nur die Chemotherapie Krebszellen zerstören, die unbemerkt bereits gestreut haben und später zu einem Rückfall führen könnten.

Die Entscheidung für oder gegen die Chemotherapie erweist sich somit als schwierig. Eine Hilfestellung bieten klinische Analysen, in denen aus den Eigenschaften des Tumors und anderen Parametern ein Wert errechnet wird, der die Risikotendenz anzeigt - "c-low" oder "c-high". Diese Kategorien lassen allerdings viel Raum für Interpretationen, weshalb sich auch Ärzte dringend weitere Hilfestellung wünschen. Das könnten sogenannte Genexpressionstests sein, die es seit einigen Jahren gibt. Je nach Fabrikat untersuchen diese Tests eine Auswahl von Erbanlagen im Tumorgewebe. Betrachtet wird dabei, wie aktiv die Gene sind.

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Häufig zum Einsatz kommen Mamma-Print, Oncotype DX und Endo-Predict, es gibt jedoch noch weitere Varianten, die jeweils andere Kombinationen von Genen im Tumor beleuchten und abschätzen, ob das Risiko für einen Rückfall eher hoch ist und eine Chemotherapie nahelegt - oder eben nicht. Abgekürzt heißt das "g-low" oder "g-high".

Alle Test sind ähnlich teuer, die Kosten liegen zwischen 1800 und 3200 Euro und werden nur im Einzelfall von der Krankenkasse übernommen - was insbesondere von Patientinnenverbänden scharf kritisiert wird, die seit Jahren eine Erstattung fordern. Doch haben die teuren Analysen überhaupt einen Nutzen?

Das für solche Fragen zuständige Iqwig kommt zu dem Schluss, dass die bislang verfügbaren Daten im Fall von Mamma-Print keinerlei Anhaltspunkte für einen Nutzen geben. Zu den übrigen Tests liegen laut Iqwig derzeit nicht einmal zuverlässige Studien vor, die sich begutachten lassen. Der Bericht war vor drei Jahren vom Gemeinsamen Bundesausschuss in Auftrag gegeben worden, um die Erstattung zu prüfen.

Die Datenlage ist zu dünn, um Frauen guten Gewissens von der Chemotherapie abzuraten

Anfang des Jahres hatte das Iqwig die Veröffentlichung verschoben, weil das Zwischenergebnis einer laufenden Untersuchung an knapp 7000 Frauen mit Mamma-Print anstand. Diese Studie trägt den Titel "Mindact" und überprüft, wie sich der Verzicht auf eine Chemotherapie bei Frauen mit begrenztem, hormonempfindlichen Brustkrebs auf das Überleben und die Rückkehr des Tumors binnen zehn Jahren auswirkt. Der Fokus der Studie liegt auf Patientinnen, bei denen Mamma-Print ein anderes Ergebnis ermittelt hatte als die klinische Analyse.

Die ersten Resultate nach fünf Jahren Beobachtungszeit zeigen: Es ist mit zusätzlichen Rück- und Todesfällen zu rechnen, wenn das klinische Risiko eigentlich für eine Chemotherapie sprechen würde, die Patientinnen aber aufgrund des genetischen Tests verzichten. "Gegenwärtig kann man einer Frau mit klinisch hohem und genetisch niedrigem Risiko nicht guten Gewissens von einer Chemotherapie abraten", teilt das Iqwig mit. In einer Pressekonferenz in Berlin wiesen die Gutachter mehrmals darauf hin, dass die Datenlage weiterhin viel zu schmal für eine umfassende Bewertung sei.

Während zudem bei anderen Tumorerkrankungen nach fünf Jahren von Heilung gesprochen werden kann, müssen Frauen mit Mammakarzinom bis zu 15 Jahre lang eine Rückkehr des Krebses befürchten. Die Mindact-Studie ist deshalb auf zehn Jahre ausgelegt, die Ergebnisse bleiben vorläufig.

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Darauf verweisen auch Onkologen. "Das Auftreten weiterer Fernmetastasen in den folgenden Jahren muss abgewartet werden, um zu einer abschließenden Bewertung kommen zu können", sagt Ulrike Stein, die am Berliner Max-Delbrück-Centrum zur translationalen Onkologie solider Tumore forscht.

Stefan Wiemann vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg kann zudem die Kritik nachvollziehen, dass mit dem Mamma-Print-Test nicht alle Hochrisiko-Tumorpatientinnen entdeckt werden. "Aufgrund des Tests würde es zu Fehlentscheidungen kommen, keine Chemotherapie durchzuführen", sagt Wiemann. "Diese Patientinnen müssten letztlich die schwerwiegenden Folgen tragen."

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