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Gesundheit:Brite erleidet akute Psychose wegen Brexit

Für oder gegen den Brexit? Das Referendum spaltet die Briten - und schadet wohl auch der Psyche.

(Foto: AP)
  • Das Fachjournal BMJ Case Reports beschreibt den Fall eines Briten, dessen Psychose anscheinend durch den Brexit verursacht wurde.
  • Der Mitte-Vierzigjährige reagierte demnach äußerst aufgebracht auf das Referendum, er litt an Schlaflosigkeit und Halluzinationen.
  • Bekannt ist, dass sich politische und wirtschaftliche Veränderungen negativ auf die mentale Gesundheit der Bevölkerung auswirken können.

Von Nora Ederer

Drei Wochen nach der Brexit-Abstimmung im Juni 2016 wird ein geistig verwirrter Mann in ein britisches Krankenhaus eingeliefert. Er leidet unter Halluzinationen und Verfolgungswahn; die Ärzte beschreiben seinen Zustand als "aufgebracht". Sie behandeln den Mann mit Medikamenten, die normalerweise Menschen mit Schizophrenie einnehmen, und haben Erfolg: Ihr Patient kann nach zwei Wochen gesund nach Hause zurückkehren. Nun hat die medizinische Fachzeitschrift BMJ Case Reports einen Bericht zu dem Fall veröffentlicht. Darin wird das Referendum zu Großbritanniens EU-Mitgliedschaft als Hauptgrund für die plötzliche Erkrankung des Mannes genannt.

"Politische Ereignisse können die mentale Gesundheit enorm beeinträchtigen - vor allem bei Menschen, die eine Veranlagung für psychische Krankheiten haben", schreibt Mohammad Zia Katshu von der Universität in Nottingham in der Studie. Demnach litt der behandelte Mann 13 Jahre zuvor schon einmal an Psychosen - allerdings waren diese um einiges weniger stark ausgeprägt als in den Wochen nach dem Brexit-Referendum. Damals wurde Stress am Arbeitsplatz als die Ursache für die Erkrankung diagnostiziert. Für seine jüngste Psychose machen Ärzte aber hauptsächlich den drohenden EU-Austritt seines Heimatlandes verantwortlich.

Denn der Mann sah sich und seine multikulturelle Familie durch einen EU-Austritt Großbritanniens bedroht und benachteiligt. In dem Bericht beschreibt er seine Frustration über das Ergebnis des Referendums so: "Ich schaute auf die Wahlkarte, die zeigte wer für die EU gestimmt hat. Ich bin in einem Wahlbezirk, der eine ganz andere Meinung vertritt als ich."

Diese Erkenntnis setzte dem Briten nach eigenen Angaben stark zu: Nachts konnte er nicht mehr schlafen und tagsüber verbrachte er mehr und mehr Zeit in sozialen Netzwerken um seine politischen Ansichten im Internet zur teilen. Mit der Zeit wurde er immer unkonzentrierter und begann zu halluzinieren - bis seine Frau irgendwann den Krankenwagen rief. Neben dem Brexit könnten auch andere Faktoren, wie Stress bei der Arbeit oder Zuhause, zu der Psychose beigetragen haben.

In den USA wird die politische Lage ebenfalls als Stressfaktor gesehen

Der Fall dieses Mannes mag extrem klingen, allerdings belegen auch andere Studien die negativen Folgen des Brexits für die Gesundheit der Briten. Zum Beispiel ergab 2017 eine Umfrage der Organisation Young Women's Trust, die sich für junge Frauen einsetzt, dass der drohende EU-Austritt bei 42% der 18- bis 30-jährigen Briten Angstzustände verursacht. "Politische oder finanzielle Veränderungen auf nationaler Ebene führen zu Unsicherheit, welche wiederum die individuelle Gesundheit beeinflusst", sagt Sotiris Vandoros. Er forscht am King's College in London zu den Auswirkungen der wirtschaftlichen Lage auf die menschliche Gesundheit.

Zum Beispiel kam er in einer seiner Studien zu dem Ergebnis, dass sich an Tagen mit größeren wirtschaftlichen Unsicherheiten mehr Engländer und Waliser das Leben nahmen als an anderen. Auch die Zahl der Autounfälle ist an solchen Tagen höher. Deshalb hält der Wissenschaftler die These, wonach der Brexit die Psychose des Mannes verursachte, für durchaus plausibel: "Der Brexit führt zu Unsicherheiten bezüglich der Zukunft unserer nationalen Wirtschaft", sowie der Jobchancen und wirtschaftlichen Aussichten des Einzelnen, sagt Vandoros. "Das kann durchaus zu einem verschlechterten mentalen Gesundheitszustand führen."

Auch in den USA scheinen politische Ereignisse die psychische Gesundheit der Bevölkerung zu beeinflussen: Nachdem Donald Trump 2016 zum Präsidenten der USA gewählt wurde, kam eine Umfrage der American Psychological Association zu dem Ergebnis, das zwei von drei Amerikaner die Frage nach der Zukunft ihres Landes als einen erheblichen Stressfaktor ansahen. Zudem empfand mehr als jeder Zweite das existierende politische Klima als bedrückend. Auf ihrer Website empfehlen die Psychologen Betroffenen, den Nachrichtenkonsum einzuschränken und sich aus politischen Diskussionen auf sozialen Netzwerken herauszuhalten. Geraten wird stattdessen dazu, sich in der Lokalpolitik zu engagieren - denn dort sei es oft einfacher, den direkten Einfluss des eigenen Handelns zu beobachten.

© SZ.de/cvei
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