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Borreliose:Warum man Zecken sofort entfernen sollte

Zecken brauchen bis zu 48 Stunden, um den Erreger der Borreliose zu übertragen. Die Parasiten schnell zu entfernen, ist daher ein guter Schutz.

Besonders hoch kommen sie in der Natur nicht. Auf einen halben Meter bis einen Meter Höhe schaffen sie es. Ihr Revier sind Gräser, niedriges Buschwerk, Unterholz. Von Bäumen fallen sie nicht, erst bei direktem Kontakt halten sie sich an Kleidung oder Körper fest. Am Menschen arbeiten sie sich empor, bis sie einen geschützten Platz an Rumpf, Kopf oder unter den Achseln gefunden haben. Das kann bis zu einer Stunde dauern. Im Frühsommer sind die Tiere besonders aktiv - und ihr Stich (nicht Biss!) ist gefürchtet. Zecken sind eine Plage, weil sie sich unbemerkt am Körper festsetzen und nur schwer entfernen lassen. Und sie können Krankheiten übertragen, die Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Forscher der US-Seuchenschutzbehörde CDC beschreiben im Fachblatt Journal of Medical Entomology, dass Mäuse, denen Zecken auf die Haut gesetzt wurden, nach 24 und 48 Stunden kaum Borrelien im Organismus hatten, doch nach 72 Stunden stieg der Befall. Nach vier bis fünf Tagen waren 57 Prozent der Tiere mit den Bakterien infiziert. "Unsere Befunde zeigen, wie wichtig es ist, Zecken möglichst schnell nach dem Stich zu entfernen", sagt Hauptautor Lars Eisen. Dazu wird empfohlen, sich nach einem Aufenthalt im Grünen zu duschen und den Körper gründlich nach den Tieren abzusuchen.

"Da die Borrelien erst vom Darm in die Mundwerkzeuge wandern müssen, ist das Infektionsrisiko sehr gering, wenn die Zecke innerhalb von ein paar Stunden entfernt wird", sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut (RKI). "Zudem schwankt das Vorkommen der Erreger in Zecken regional sehr stark." In manchen Gegenden sind Zecken nicht mit Borrelien infiziert, in anderen kann der Anteil bis zu 30 Prozent betragen. Doch auch wenn man von einer infizierten Zecke gestochen wird, muss es nicht zur Infektion kommen. Das Risiko, bei einem Zeckenstich mit Borrelien infiziert zu werden, liegt zwischen 0,3 und 1,4 Prozent. Die Infektion lässt sich meist an der Wanderröte erkennen, oft begleitet von Fieber und Gliederschmerzen. Gerade bei Kindern tritt gelegentlich eine einseitige Lähmung des Gesichtsnervs auf, die mit Antibiotika behandelt wird und sich zurückbildet.

Franken, Bayerischer Wald und Berchtesgadener Land sind FSME-Gebiete

In seltenen Fällen befallen die Bakterien das Nervensystem, und es kommt zur Neuroborreliose. Bei unklaren Beschwerden wie Erschöpfung und Muskelschmerzen wird häufig von "chronischer Borreliose" gesprochen. Ärzte vermeiden den Ausdruck allerdings, denn "klinische Verlaufsuntersuchungen und epidemiologische Studien weisen darauf hin, dass unspezifische Beschwerden nach einer Borreliose nicht häufiger auftreten als bei Kontrollpersonen oder nach anderen Erkrankungen", so die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Da sich bei bis zu 25 Prozent der Erwachsenen Antikörper gegen Borrelien im Blut finden, wird dieser Hinweis auf eine frühere Infektion - auch wenn sie unbemerkt verlief - jedoch als Ursache für die aktuellen Beschwerden gedeutet. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass Antibiotika hier wirkungslos bleiben.

FSME-Viren hingegen gelangen schneller von der Zecke in den Menschen als Borellien. In deutschen FSME-Gebieten sind zwischen 0,1 bis fünf Prozent der Zecken mit dem Virus infiziert. Baden-Württemberg (Schwerpunkt Schwarzwald und Bodensee) und Bayern (Franken, Bayerischer Wald, Berchtesgadener Land) sind besonders betroffen. Nach einer Infektion entwickeln bis zu 30 Prozent der Infizierten Symptome. Im Jahr 2016 wurden 348 FSME-Erkrankungen registriert. Eine Impfung wird all jenen empfohlen, die sich viel im Freien aufhalten.

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SZ vom 06.07.2017
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