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Bluttransfusionen:Neuentdeckungen bei seltenen Blutgruppen

Blutsverwandtschaft ist komplizierter als weithin bekannt. Längst schon kennen Wissenschaftler nicht mehr nur die Blutgruppen A, B, 0 und AB, sondern Dutzende weitere Merkmale, die bei Blutspenden oder in der Schwangerschaft fatale Folgen haben können. Nun wurden weitere Gene für selten Blutgruppen entdeckt.

Unabhängig von jeder ethnischen Zugehörigkeit, quer durch alle Klassen und Parteien lassen sich die Menschen in vier Gruppen namens A, B, 0 und AB teilen. Seit mehr als 100 Jahren definiert man diese Blutgruppen schon, die sich allein in der Art der Zuckermoleküle auf den roten Blutkörperchen unterscheiden. Gemeinsam mit dem Rhesusfaktor D sind A, B und 0 die Hauptverantwortlichen, wenn Menschen das Blut eines anderen nicht vertragen. Zwei weitere Moleküle haben nun Genetiker um Lionel Arnaud vom Nationalen Institut für Bluttransfusionen in Paris und Bryan Ballif von der University of Vermont identifiziert (Nature Genetics, Bd. 44, S. 170 und 174).

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Der Wiener Arzt Karl Landsteiner bekam für seine Beschreibung des AB0-Systems 1930 den Nobelpreis. Seither wurden viele weitere Merkmale entdeckt.

(Foto: dpa)

Die neuen Moleküle stehen für zwei wenig bekannte Blutgruppensysteme, die sich Langereis und Junior nennen. Unverträglichkeiten seien hier sehr selten, sagt Ballif. Für die wenigen Betroffenen ließen sich nun aber leichter die ebenso seltenen Spender finden. Denn bei einer Langereis- oder Junior-positiven Blutspende kann die Immunreaktion des negativen Empfängers zur Auflösung der roten Blutkörperchen führen, zum Nierenversagen, zum Kreislaufkollaps und auch zum Tod. "Wenn du eines dieser wenigen Individuen bist und eine Transfusion brauchst, dann gibt es für dich nichts Wichtigeres" als den entsprechenden Bluttest, so Ballif. Vor allem in Japan seien 50.000 Menschen betroffen.

Blutsverwandtschaft ist komplizierter als weithin bekannt. Längst schon gelten Menschen nicht mehr einfach nur als AB positiv oder Null negativ. Seit der Wiener Arzt Karl Landsteiner das AB0-System im Jahr 1901 beschrieben hat, wurden ständig weitere Merkmale entdeckt, die bei Blutspenden oder in der Schwangerschaft fatale Folgen haben können. 29 verschiedene Blutgruppensysteme mit Namen wie Duffy, Kidd, Diego und Lutheran kennt die Internationale Gesellschaft für Bluttransfusion (ISBT) inzwischen. "Langereis und Junior gehören bisher nicht zur offiziellen Liste, obwohl sie auch eine Frage von Leben und Tod sein können", wie Ballif beklagt.

In Deutschland werde routinemäßig bisher nur auf das AB0-, das Rhesus- und das Kell-System getestet, sagt Hubert Schrezenmeier vom Institut für Transfusionsmedizin der Universität Ulm. Diese Antigene führten häufiger zu einer besonders starken Immunantwort, wenn das Blut des Empfängers sie nicht selbst enthält. "In einer idealen Welt würde man bei einer Blutspende für alle Antigene eine Übereinstimmung herstellen wollen, aber in der Praxis würde das die Versorgung mit Blutprodukten zu stark erschweren", sagt Schrezenmeier. Auch sei die Überprüfung der übrigen Blutgruppensysteme nicht unbedingt nötig, weil diese meistens keine so starke Immunreaktion hervorrufen.

Es werde deshalb zunächst nur mit einem Suchtest sichergestellt, dass das Immunsystem des Empfängers nicht schon Antikörper gegen eines der ISBT-Systeme gebildet hat, ergänzt Walter Hitzler, Spezialist für Seltene Blutgruppen an der Universität Mainz. Denn wenn es bereits in Aufruhr ist, kann eine Bluttransfusion auch mit schwächeren Antigenen zur Immunkatastrophe führen.

© SZ vom 25.02.2012/beu
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