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Affäre um Heidelberger Uniklinik:Die "Weltsensation" wurde öffentlich zerpflückt

Doch die Vorstände wurden auch gewarnt - und diese Warnungen wurden offenbar beiseite gewischt: "So langsam bekomme ich Bauchschmerzen", schrieb die Pressesprecherin drei Tage vor der Pressekonferenz. Immer wieder machte sie auf mögliche Probleme aufmerksam. Mal schrieb sie von einer "brisanten Situation", mal warnte sie, es würden "weitreichende Aussagen in einem kritischen Journalistenumfeld" gemacht, obwohl "Daten und Validität" des Tests "noch nicht ganz klar" seien. Am 19. Februar, zwei Tage vor dem Showdown, fragte sie in einer Mail an alle Vorstandsmitglieder noch einmal mahnend, "wie weitgehend man sich äußern möchte".

Die Pressesprecherin sollte Recht behalten: Schon bald nach der Pressekonferenz wurde die mit breiter Brust gefeierte "Weltsensation aus Deutschland" (so die Bild) öffentlich zerpflückt. Die seriöse Presse zerlegte die Kampagne, Fachgesellschaften kritisierten den Test, der es noch nicht einmal zu einer Publikation in einer Fachzeitschrift gebracht hatte - ein Gütesiegel für Forschung und an seriösen Universitäten die Grundlage dafür, mit einer Entdeckung an die Presse zu gehen.

Nicht so in Heidelberg. Dort wurde erst nach dem Presse-Desaster eine interne Untersuchung in Auftrag gegeben. Der Tumorbiologe Magnus von Knebel Doeberitz sollte den Test prüfen - und kam Anfang April zu einem niederschmetternden Ergebnis: Der Test war noch unfertiger, als viele bis dahin schon befürchtet hatten: "Daher muss klar festgehalten werden, dass es das in der Pressemitteilung erwähnte Verfahren bisher nicht gibt", heißt es in der Stellungnahme von Knebel Doeberitz an den Dekan, die der SZ vorliegt, es gebe noch nicht einmal einen Prototypen. "Somit können auch keinerlei Angaben zum diagnostischen Wert des avisierten, aber noch nicht vorhandenen Produktes gemacht werden."

Persönlich will sich Knebel auf SZ-Anfrage nicht zu dem Bericht äußern, dieser sei intern und vertraulich, sagt er. Christof Sohn lässt von der Presseabteilung ein Statement an die SZ schicken, das später wieder zurückgezogen wird. Doch der Bericht spricht ohnehin Bände, das Fazit des Prüfers ist gnadenlos: Die Angaben aus der Pressemitteilung müssten schlichtweg "als nicht begründet angesehen werden", schließt Knebel Doeberitz.

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Eine Einsicht, die der Vorstand des Klinikums früher hätte erlangen können - wenn der Dekan getan hätte, was ihm aufgetragen wurde. Wie aus den internen Unterlagen hervorgeht, wurde Draguhn vor der Pressekonferenz mehrmals aufgefordert, die von Christof Sohn gemachten Angaben zum Test zu überprüfen.

Eigentlich war spätestens seit April 2018 bekannt, dass der Test die Hoffnungen nicht erfüllt

Denn Zweifel bestanden. Eigentlich war im Klinikum seit April 2018 bekannt, dass der Test nicht die früher proklamierte sagenhafte Sensitivität und Spezifität von 100 Prozent erreicht, sondern gerade mal eine Genauigkeit von 70 Prozent. Damit wäre er keine Konkurrenz für andere Brustkrebstests - eine Münze zu werfen wäre nicht viel schlechter. Trotzdem sprach Sohn in einer Sitzung am 18. Januar davon, eine große Pressekonferenz im Februar geben zu wollen. Die Daten seien jetzt gut.

Es war ausgerechnet der nun geschasste Leiter der Rechtsabteilung, der am 29. Januar den Fakultätsvorstand darüber informierte, dass bereits Agenturen mit der Vorbereitung der Pressekonferenz beauftragt seien. So steht es in dem internen Bericht. Demnach empfahl er, "Herrn Professor Sohn um Darlegung der wissenschaftlichen Validität der Daten" zu bitten. Im Anschluss an eine Fakultätsvorstandssitzung am 30. Januar teilte die Geschäftsführung dem Dekan per Mail mit, dass er die Daten bitte prüfen möchte.

Doch Draguhn tat offenbar nicht, wie ihm aufgetragen worden war. Weshalb er keine Prüfung durchführte? Auf diese Frage erhält die SZ eine Antwort des gesamten Vorstands. Mehrere Vorstandsmitglieder hätten mit Professor Sohn über die Daten "Gespräche geführt", dabei sei ihnen die Qualität der Datenlage bestätigt worden.

Insgesamt äußern sich die Vorstände inzwischen zerknirscht. Es sei "eine der Aufgaben eines Universitätsklinikums, Forschungsergebnisse in die klinische Praxis zu übertragen", schreiben sie. Deshalb sei es ihnen wichtig gewesen, die Ausgründung HeiScreen, die den Test entwickelt hat, "bei ihrem Wunsch nach öffentlicher Wahrnehmung zu unterstützen". Man habe gedacht, es könnte gelingen, "die Interessen eines privaten Investors" mit denen des Klinikums in Einklang zu bringen. Das hat offenkundig nicht geklappt. Grüters-Kieslich räumt auch persönlich Fehler ein. "Ich hätte mich stärker gegen die Einbeziehung des Klinikums in die PR-Aktivität der HeiScreen GmbH wenden müssen", schreibt sie der SZ, "und hätte versuchen müssen, die Pressekonferenz zu stoppen."

Nach der Einsicht gilt es nun das Gesicht zu wahren. Vor Kurzem war der Klinikumsvorstand gemeinsam mit TTH-Kollegen zu Besuch im belgischen Leuven, wo universitäre Erfindungen mit besonderer Professionalität vermarktet werden. Am Montag stand eigentlich der Gegenbesuch an. Doch den hat Heidelberg abgesagt. Es wäre wohl zu peinlich geworden.

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