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Medizin:Hinter den Türen boomt das globale Blutplasmageschäft

Vater und Tochter sind inzwischen an der Grenzkontrolle angekommen, ein Beamter stellt ihnen Routinefragen. Warum sie nach El Paso kommen, was sie beruflich machen, was sie mitbringen. Genesis hat sich ihre Antwort bereits zurechtgelegt: "Ich behaupte immer, ich gehe meine Tante besuchen, die im Zentrum wohnt." Diese Tante gibt es zwar, doch weder Genesis noch ihr Vater werden sie an diesem Tag besuchen. Beide kommen auch diesmal damit durch. Nun sind es hinter der Grenze nur noch zehn Minuten Fußweg, dann verschwinden Vater und Tochter in einem breiten Industriebau mit verdunkelten Eingangstüren, über dem die Worte "Talecris - Plasma Resources" geschrieben stehen. Ein Plasma-Spendezentrum, betrieben von der spanischen Firma Grifols.

Was hier hinter den Türen geschieht, ist Teil eines globalen Blutplasmageschäfts, das von einer Handvoll internationaler Firmen geführt wird. Von den Spendezentren im US-Grenzgebiet gehören 14 der CSL-Gruppe, die ihr Plasma auch an ihre Tochterfirma CSL Behring in Marburg exportiert. Grifols betreibt 17 Zentren unter den Namen Talecris und Biomat. BPL betreibt inzwischen sechs Zentren und baut derzeit allein in El Paso zwei neue. Interne Firmendokumente von Grifols, die den Reportern zugespielt wurden, zeigen: Die Zentren nah an der Grenze sind die produktivsten der USA. Ein Zentrum im Inland sammelt im Schnitt 164 Spenden am Tag, die Grenzzentren mehr als das Doppelte. Das erfolgreichste Zentrum von El Paso kommt auf über 600 Spenden pro Tag. Schätzungen zufolge wurden allein im Jahr 2017 auf dem globalen Plasmamarkt 21 Milliarden US-Dollar umgesetzt.

Im Spendezentrum betreuen heute vier Mitarbeiter die ankommenden Menschen, alle sprechen Spanisch. Hinter ihnen stehen Schränke voller Aktenordner. An den Wänden hängen Werbeplakate zu aktuellen Bonusaktionen: "Spende 14 Mal im April und Mai und verdiene dir einen 75-Dollar-Bonus!" Etwa 70 schwarze Plastikstühle sind im Wartesaal aufgereiht. Wer an der Reihe ist, wird über Lautsprecher ausgerufen.

Screenshots: Blutplasma Doku, NDR
ACHTUNG!!!! aktuelle Screenshots aus der FInalversion der Doku nehmen, nach HD fragen. Credit beachten.

Während der Spende, wie hier in Köln, dürfen die Menschen liegen, Mitarbeiterinnen dokumentieren den Verlauf.

(Foto: NDR)

Neuspender werden mit einem kurzen Video auf einem iPad vor möglichen Folgen der Plasmaspende gewarnt. Dann geht es zum nächsten Schalter, sechs Automaten wie beim Check-in am Flughafen. Hier beantworten Spender Fragen zu ihrer Gesundheit. Hinter den Automaten werden sie auf Liegen in mehreren Reihen verteilt, 40 von ihnen haben gerade eine Nadel im Arm. Gleich neben den Liegen läuft das Blut durch die Zentrifuge, die das Plasma filtert und die roten Blutkörperchen wieder zurück in die Arme der Spender pumpt.

"Die Spender können einen niedrigen Antikörper-Spiegel entwickeln"

Im Jahr 2018 wurden in den USA insgesamt 41 Millionen Liter Plasma gewonnen, 22 Millionen davon landeten im Ausland, fast ein Drittel davon in Deutschland, so die Angaben des US-Handelsministeriums und des Marketing Research Bureau, eines Marktforschungsinstituts, das sich auf den Blutplasma-Markt spezialisiert hat. Um aus dem Blutplasma Medikamente zur Therapie von Immundefekten oder für Verbrennungsopfer herzustellen, verarbeiten drei Unternehmen es in Deutschland: Der Schweizer Konzern Octapharma hat seine Fabrik im norddeutschen Springe, die chinesische Firma Biotest produziert ihre Medikamente in der Nähe von Frankfurt. Und in Marburg hat CSL Behring seine Produktionsanlagen.

Zwei Stunden nach ihrer Ankunft tritt die junge Mexikanerin mit ihrem Vater durch die Tür des Talecris-Zentrums auf die Straße. Gamaliels Arm ist mit einem weißen Verband umwickelt, Genesis aber schüttelt den Kopf: "Ich habe ein Pfund zu wenig gewogen." 50 Kilogramm ist das Mindestgewicht für eine Spende, Genesis liegt inzwischen immer häufiger knapp darunter. Sie habe noch versucht, sich mit ihrem Rucksack schwerer zu machen. Doch selbst damit hat es nicht gereicht.

Nur wenige Wissenschaftler haben sich bislang mit möglichen Langzeitfolgen des Dauerspendens befasst, einer davon ist der deutsche Internist Peter Hellstern. Vor einigen Jahren hat der Mediziner mit seinen Kollegen untersucht, wie sich 60 Plasmaspenden pro Jahr auf den Körper auswirken. Das Ergebnis war beeindruckend: Innerhalb des Studienzeitraums von drei Jahren mussten die Wissenschaftler 12,4 Prozent der fast 4000 Probanden von der Plasmaspende ausschließen, weil in ihrem Blut die Konzentration von Immunglobulin G zu niedrig war. Die Antikörper gelten als wichtige Waffe im Kampf gegen Infektionen. Eine Plasmaspende sei nur dann sicher, folgerte Hellstern, wenn die Konzentration der Antikörper im Blut der Spender intensiv kontrolliert wird.

Ähnlich sieht das auch Paul Strengers, Geschäftsführer der internationalen Gesellschaft für Plasmafraktionierung IPFA und ehemaliger medizinischer Direktor der Abteilung für Plasmaprodukte des Blutinstituts Sanquin in den Niederlanden. Er drängt darauf, dass in einer Neuauflage der EU-Richtlinien die Überprüfung der Antikörper-Blutspiegel nach jeder fünften Plasmaspende vorgeschrieben wird. In Deutschland ist das bereits der Fall. Auch ist in den Zentren immer ein Arzt anwesend, im Gegensatz zu den USA. Hier gilt Rufbereitschaft, ärztliches Personal ist häufig nur wenige Stunden in der Woche vor Ort und untersucht die Spender einmal im Jahr. Die Testung des Antikörpers erfolgt in den USA lediglich alle vier Monate.

"Das ist ein großes Problem, weil die Spender einen ähnlich niedrigen Antikörper-Spiegel entwickeln können wie ein Immunkranker, mit all seinen Risiken", sagt Internist Peter Hellstern. Schwere Infektionen können die Folge sein, zum Beispiel ein Harnwegsinfekt, schlimmstenfalls sogar eine Entzündung der Lunge oder der Hirnhaut. Die Regulierungen in den USA und in Deutschland sind fundamental verschieden, dennoch importiert Deutschland das US-Plasma, das unter völlig anderen Bedingungen gewonnen wurde. Dies hänge unter anderem damit zusammen, dass für das importierte Plasma nicht die deutschen, sondern die EU-Regularien zum Spenderschutz gelten, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium.

Auch eine Studie belgischer und niederländischer Forscher ergab, dass die Konzentration des Immunglobulins G bei regelmäßigen, bezahlten Plasmaspendern in den USA um fast ein Viertel niedriger ist als bei Spendern in Europa, die nur gelegentlich ihr Plasma hergaben. Auch die Konzentration des lebenswichtigen Blutproteins Albumin fiel 15 Prozent niedriger aus. Fehlt Albumin im Blut, lagert sich mehr Wasser im Gewebe ein. Gerade für ältere Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann das gefährlich sein. "Nur alle 15 bis 23 Tage werden Albumin und Immunglobulin G im Körper komplett ausgetauscht", sagt Studienautor Paul Strengers.

Die Spende

Es gibt zwei verschiedene Arten, Plasma zu spenden: Variante eins ist eine klassische Blutspende. Aus dieser werden dann die zellulären Bestandteile abgetrennt, übrig bleiben etwa 200 bis 250 Milliliter Plasma.

Effizienter ist allerdings Variante zwei, die Plasmapherese. Hier trennt eine Zentrifuge das Plasma während der Spende direkt vom restlichen Blut. Die übrigen Bestandteile fließen über eine Infusion sofort wieder in den Körper der Spender zurück. Dadurch ist ein Ertrag von 600 bis 850 Milliliter Plasma möglich. Für die Herstellung von Medikamenten wie etwa Antikörper-Infusionen wird Plasma daher vor allem über dieses Verfahren gewonnen. Wie oft jemand Plasma spenden darf, ist von Land zu Land verschieden, in den USA sind 104 Spenden pro Jahr erlaubt, in Deutschland 60. Zudem muss hierzulande ein Arzt vor der Prozedur den Gesundheitszustand eines potenziellen Spenders prüfen.

In den USA werden Spender für ihr Blutplasma bezahlt, auch in Deutschland wie in Österreich, Tschechien und Ungarn gibt es eine geringe Aufwandsentschädigung. Die meisten EU-Länder lehnen jegliche Zahlungen an Spender dagegen ab.

Wenn jemand zweimal pro Woche spendet, könne sich der Organismus unmöglich so schnell erholen. Die Unternehmen CSL Plasma und Grifols dagegen betonen, für die Sicherheit der Spender wie auch ihrer Mitarbeiter zu sorgen. Auch die Interessenvertretung der Plasma verarbeitenden Industrie PPTA versichert, dass die Unternehmen sich stark der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Plasmaspender widmen - ganz gleich, an welchem Ort die Spendezentren gelegen sind.

Genesis und Gamaliel wollen die Folgen ihrer Spenden von einem Arzt abklären lassen. Hellstern hat gemeinsam mit dem mexikanischen Pathologen Christian Cumplido aus Ciudad Juárez ein Testprotokoll entworfen, um den Gesundheitszustand der beiden Plasmaspender im Auftrag von SWR, NDR und SZ zu prüfen. "Consultorio" steht auf einem Plastikschild an der Tür des Sprechzimmers, dahinter sitzen Vater und Tochter, beide in Schwarz gekleidet. Einen Tag zuvor war Genesis zuletzt zum Plasmaverkauf in den USA, diesmal wurde sie zugelassen. Hinter Christian Cumplido sind die hölzernen Jalousien heruntergelassen, kein Tageslicht fällt in den engen Raum. Der Mediziner hält die Bögen mit den Laborergebnissen in den Händen.

Nach einem kurzen Blick auf die Blutwerte sagt Cumplido, dass die Immunglobuline vom Typ G beim Vater an der unteren Grenze des Normwerts liegen. Die Blutwerte seiner Tochter dagegen haben die Grenzwerte deutlich unterschritten. Sie wäre in Deutschland nicht zu einer Plasmaspende zugelassen worden. Auch ihr Gesamteiweiß und das Blutprotein Albumin sind zu niedrig. Kürzlich wurde sie schon bei der Plasmaspende ohnmächtig. Zudem habe sie in den vergangenen sechs Monaten weitere fünf Kilo abgenommen.

Aus den wenigen wissenschaftlichen Studien ist bereits bekannt, dass vor allem junge, untergewichtige Menschen nach einer Plasmaspende an Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen, Taubheitsgefühl in den Armen und Kreislaufproblemen leiden können. Frauen im Alter von bis zu 25 Jahren erleben die Nebenwirkungen zumindest nach ihrer ersten Plasmaspende doppelt so oft wie Männer.

Cumplido sagt zu Genesis: "Als Arzt rate ich dir, mit dem Spenden aufzuhören. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass du dich erholst, wenn du so weitermachst. Und dann könnten Infektionen jedes Mal ernster werden." Auch Gamaliel warnt er, die Blutwerte weisen auf einen Proteinmangel hin: "Du solltest die Häufigkeit der Spenden verringern - du gehst jetzt acht Mal im Monat, ich würde maximal fünf Spenden empfehlen."

Vier Tage später machen sich Vater und Tochter dennoch wieder im Auto auf zur Grenze, Gamaliel auf dem Beifahrersitz, er hat seine Sonnenbrille tief ins Gesicht gedrückt. Es muss weitergehen, sagt er, seine Tochter nickt: "Wir haben keine Wahl."

Die Story im Ersten "Bluthandel - Dollar gegen Gesundheit" ist am Montag, dem 7.10. um 22.45 Uhr in der ARD zu sehen.

© SZ vom 05.10.2019/fehu
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