Bevölkerungsentwicklung Vom Nutzen des Alters

Menschen werden immer älter. Es ist Zeit, dass Gesellschaften darauf reagieren. Sie sollten die Alten nicht länger als Last betrachten - denn das sind sie nicht.

Ein Kommentar von Patrick Illinger

Seit Jahren steigt in fast allen Ländern der Welt die Zahl der Lebensjahre, die ein neugeborener Mensch erwarten darf. Die Marke von durchschnittlich 70 Jahren ist bereits übertroffen. Gleichzeitig sinken Geburtenraten und Kindersterblichkeit. All das ist aus medizinischer Sicht ein Riesenfortschritt, auch wenn es noch große Unterschiede zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern zu überwinden gilt. Doch die Folge ist auch ein oft als bedrohlich empfundener demografischer Wandel. Gab es früher die Alterspyramiden, sind daraus vielerorts Zwiebeln geworden. Setzt man das in die Zukunft fort, sind irgendwann umgekehrte Pyramiden möglich.

Deutschland ist nach Japan das Modellland einer alternden Gesellschaft. Doch auch in Ländern wie Brasilien und Iran ändern sich die Verhältnisse. In 35 Jahren wird auch in Teheran eine Gesellschaft regiert werden, in der jeder dritte Mensch älter als 60 Jahre ist. Es sei Zeit, dieser Umwälzung Rechnung zu tragen, fordert nun die Weltgesundheitsorganisation in einem aufrüttelnden Bericht. Erwartbar geht es auch darum, die Sozial- und Gesundheitssysteme einer stärker von Senioren geprägten Welt anzupassen. Doch viel mehr noch - und das muss gerade in Deutschland zunehmend zum Thema werden - ist es entscheidend, das Bild vom Altern, die Haltung gegenüber Älteren und die Vorstellung vom "Lebensabend" grundlegend zu überdenken.

Noch immer wird - entgegen allen biologischen und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen - das Alter eines Menschen anhand kalendarischer Angaben definiert. Als könne eine Zahl darüber entscheiden, wann jemand "alt" ist. Dabei genügt schon geringe Lebenserfahrung, um zu wissen, dass sich 15-Jährige in vielen Aspekten ähneln mögen, dies aber schon für 55-Jährige nicht mehr gilt und noch viel weniger für 75-Jährige. Das mag wie eine Binsenweisheit klingen, doch sind auch in noch so modernen Nationen die Sozial- und Gesundheitssysteme, ebenso wie die Usancen der Arbeitswelt, auf kalendarische Messgrößen fixiert.

Zudem sind viele Mythen und Stereotypen über das Alter schlicht falsch. Das beginnt bei der Annahme, dass Ältere in der Arbeitswelt mehr kosten als sie bringen. Tatsächlich ist längst nachgewiesen, dass dies entscheidend davon abhängt, wie ein Unternehmen seine Abläufe organisiert und die anfallende Arbeit aufteilt. Klar tippt ein Jüngerer womöglich schneller auf dem Computer herum. Doch der Ältere hat vielleicht Intelligenteres einzugeben. Falsch ist auch die Behauptung, die Gesundheitssysteme würden von Älteren über Gebühr belastet. Tatsächlich sind die medizinischen Kosten in der allerletzten Lebensphase am höchsten - aber unabhängig davon, in welchem Alter ein Mensch dahinscheidet.

Zu häufig wird ein Bild gezeichnet, in dem die Älteren dem Rest der Gesellschaft als Last auf den Schultern liegen. Abstrus eigentlich, bei dem Gedanken, dass nur wer Glück hat, einst selbst alt werden wird.

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