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Berührungen:Wenn Kinder nicht gestreichelt werden wollen

Menschen schätzen unterschiedliche Formen der Berührung. Das ist schon bei kleinen Kindern zu spüren. Manche wollen ganz fest in den Arm genommen werden, andere lieben es hingegen, sanft gestreichelt zu werden. Wiederum andere brauchen wenig Kontakt, ohne dass sie deswegen gefühlskalt wären. Und manches Kind mag am liebsten ständig gestreichelt werden. "Es gibt Cuddler und Nicht-Cuddler", sagt Florian Heinen, Chefarzt für Neuropädiatrie und kindliche Entwicklung am Haunerschen Kinderspital der Uni München. "Die einen kuscheln viel und gerne, andere brauchen das nicht so, ohne dass daraus auf ihren Charakter oder ihre Entwicklung geschlossen werden könnte."

Der Haut-zu-Haut-Kontakt stimuliert auch emotionale und hormonelle Reaktionen

Bei Erwachsenen und in Liebesdingen verhält es sich nicht anders. Jeder Mensch hat andere Vorlieben und Körperregionen, die bei ihm empfindlich sind und an denen sich besondere Wonnen auslösen lassen. Spezielle Tastkörperchen überall im Körper melden über verschieden schnell leitende Nervenbahnen an das Gehirn, ob wir behutsam oder heftig berührt werden, ob wir mit etwas Weichem oder Hartem Kontakt haben. Forscher sprechen inzwischen davon, dass der Tastsinn nicht nur taktile Reize von außen an das Gehirn weiterleitet, sondern auch der "affektiven Berührung" dient, das heißt, über Haut-zu-Hautkontakt emotionale, hormonelle und andere Reaktionen im Körper stimuliert.

Während besonders schnell leitende Nervenfasern rasch Schmerzreize, Hitze und Druck weiterleiten, sodass die Hand sofort von der Herdplatte gezogen werden kann, gibt es spezielle Bahnen, die "soziale" Berührungseindrücke langsam weiterleiten, wie Forscher in diesem Frühjahr im Fachblatt Neuron gezeigt haben ( Bd. 82, S. 737, 2014). So als ob sie sich Zeit lassen, besondere Gefühle in aller Ruhe ankommen zu lassen.

Über die Ursachen dafür, dass Berührungen so unterschiedlich wirken, spekulieren Forscher noch. Leichter, behutsamer Körperkontakt findet ja auch beim liebevollen Austausch von Zärtlichkeiten statt, und dass Blutdruck und Puls im Reizgewitter in die Höhe schnellen, ist hinlänglich bekannt. Andere Forscher vermuten hingegen, dass leichte Berührungen eher zu einer Stressreaktion führen, weil sie - aus evolutionärer Sicht - auf die Berührung von Giftspinnen, Insekten und anderem lästigen Getier hinweisen und dann höchste Alarmbereitschaft geboten ist.

Für den Hausgebrauch ist es hilfreich herauszufinden, welche Form von Berührung gefällt. Die Schweizer Psychologin Anik Debrot kam nach langjährigen Studien über die Auswirkungen von Berührungen an der Universität Fribourg jedenfalls zu dem praktischen Schluss: "Los, nehmt eure Partner in den Arm - damit tut ihr beiden von euch etwas Gutes!" Die Wissenschaft gibt für beide Formen von Berührungen ihren Segen, egal ob sanftes Streicheln oder kräftiger Druck gerade das Erwünschte ist.

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