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Behandlung bei Schlaganfall:Vorstoß ins Gehirn

Einige Ärzte schwärmen schon von einer "neuen Ära" der Schlaganfall-Therapie. Katheter, die verstopfte Gefäße im Hirn wieder freiräumen sollen, zeigen gute Ergebnisse. Doch obwohl die Stents schon eingesetzt werden, sind noch Fragen ungeklärt.

Da waren endlich die Daten, und die Zuhörer zeigten sich begeistert. Der Neurologe Diederik Dippel von der Erasmus Universität Rotterdam hatte auf dem World Stroke Congress im Oktober in Istanbul Studienergebnisse präsentiert, auf die viele Experten gewartet hatten. Diese Woche erscheinen sie im New England Journal of Medicine. Sie zeigen, dass Schlaganfallpatienten bessere Gesundungschancen haben, wenn die akute Durchblutungsstörung in ihrem Gehirn mit einem Katheter behoben wird, statt sie nur medikamentös zu behandeln.

Bei der Methode schieben Ärzte ein Drahtgestell bis in das betroffene Hirngefäß und entfernen das Gerinnsel. Abzugrenzen ist der Eingriff vom Einsatz solcher "Stents" zur Rückfallprophylaxe von Schlaganfällen. Dabei werden die Gefäßstützen in die Kopfarterien geschoben, um weiteren Verschlüssen vorzubeugen,was sich in der Vergangenheit als riskant erwiesen hat.

Diskussionen gab es aber auch um den Notfalleingriff. Denn obwohl die Kathetertechnik - auch endovaskuläre Therapie genannt - seit zehn Jahren von Neuroradiologen praktiziert und propagiert wird, war bislang nicht belegt, dass sie auch nutzt. "Dies ist die erste Studie, die einen Vorteil für Patienten zeigt", sagt Dippel. Befürworter der Methode schwärmten daher in Istanbul von einer "neuen Ära". Dass die wissenschaftliche Debatte beendet sei, glaubt Gerhard Hamann, Vorsitzender der Deutschen Schlaganfallgesellschaft, nicht: "Es ist die erste positive Arbeit. Wir brauchen mehr Detailkenntnisse darüber, welche Patienten von dem Eingriff profitieren und wie lange nach dem Schlag dieser hilft."

Denn die Methode ist alles andere als trivial und nicht ohne Risiken. Bei einem Schlaganfall verstopft ein Blutgerinnsel eine Hirnarterie, wodurch es zur Minderdurchblutung und schließlich zum Untergang von Hirngewebe kommt. Um dies zu verhindern, bugsieren Spezialisten bei dem Eingriff einen dünnen Katheter durch das Gefäßsystem hinauf in die verschlossene Hirnschlagader, fangen den fatalen Blutpfropf ein und saugen ihn ab.

Gelingt dies rechtzeitig und fließt wieder Blut durchs betroffene Hirnareal, kann es sich erholen. Es gebe "Lazarus-Fälle", berichtet Hamann - die vollständige, beinah handstreichartige Heilung einer schweren und üblicherweise bleibenden Lähmung. "Solche Therapieverläufe sind natürlich sehr erfreulich", sagt der Leiter der Neurologischen Klinik am Bezirkskrankenhaus Günzburg. "Sie verleiten allerdings dazu, eine Therapie zu überschätzen und ihre Risiken auszublenden." Solche bestünden in Hirnblutungen oder weiteren Infarkten, wenn der gelöste Thrombus dem Katheter entwischt und in eine andere Hirnarterie schwimmt. Diese Gefahr zeigte sich auch in der neuen Arbeit, wenngleich die Intervention besser abschnitt als die herkömmliche Therapie.