Süddeutsche Zeitung

Ärztemangel:Den Arzt online konsultieren

Telemedizin könnte den Ärztemangel auf dem Land lindern. Wer einwendet, dass hierbei der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient verloren ginge, übersieht zwei wichtige Entwicklungen.

Ein Gastbeitrag von Dietrich Grönemeyer

Dass in Deutschland schon bald Ärztemangel droht, wird gern behauptet, lässt sich aber statistisch nicht belegen. Im Gegenteil, Jahr für Jahr wächst die Zahl der Ärzte um durchschnittlich zwei Prozent. 2014 zählte die Statistik 490 400 berufstätige Mediziner - zwei Drittel mehr als 1990, im Jahr der Wiedervereinigung. Tendenz weiter steigend.

Es fehlt keineswegs an jungen Menschen, die den Beruf des Arztes ergreifen wollen, und das nicht nur, weil sie sich davon ein überdurchschnittliches Einkommen versprechen. Die Aussicht, anderen helfen zu können, ist nach wie vor für viele das Hauptmotiv. Hinzu kommt die Faszination der modernen Hightech-Medizin. Studenten haben mir das oft genug bestätigt. Ich entschied mich seinerzeit auch deshalb für die Radiologie, weil mich alles Technische von Kindesbeinen an begeisterte. Mit den Fortschritten bei der Entwicklung neuer Geräte und Methoden haben sich die Möglichkeiten medizinischer Ausbildung mehr und mehr erweitert. Die wachsende Zahl der Studenten an den medizinischen Fakultäten belegt das eindrucksvoll.

Um den Berufsstand des Arztes an sich müssen wir uns also keine Sorgen machen. Eher schon haben wir ein Verteilungsproblem, das zusehends bedrohliche Ausmaße annimmt. Die Situation ist geradezu paradox. Obwohl immer mehr bestens qualifizierte Ärzte auf den Markt drängen, fehlt es vielerorts - und mehr denn je - an ärztlicher Versorgung. Nicht in München, Frankfurt oder Stuttgart und gewiss nicht in Berlin, wohl aber auf dem platten Land, im Erzgebirge, an der Küste oder im Odenwald. Das Problem ist bekannt, Hilferufe sind überall zu hören, Lösungen werden aber kaum angeboten.

Dabei kann man der Politik nicht einmal vorwerfen, die Augen zu verschließen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat angekündigt, sich der Sache anzunehmen. Als oberster Dienstherr des Gesundheitswesens will er die Ballungsräume ärztlicher Versorgung entzerren. Das scheint auf den ersten Blick einleuchtend zu sein. Ob es sich jedoch von oben durchsetzen lässt, ist fraglich. Planwirtschaft war auf Dauer noch nie Erfolg beschieden, auch nicht im Gesundheitswesen.

Dadurch dass man älteren Ärzten in besonders gut versorgten Städten verbietet, die Praxis an jüngere zu verkaufen, um so der Konzentration entgegenzuwirken, dadurch allein hat man noch keinen einzigen Arzt motiviert, auf dem unterversorgten Land sein Glück zu suchen.

Im Gegenteil, gerade wenn wir uns den leidenschaftlichen Mediziner wünschen, sollte er sich niederlassen können, wo er möchte. Und dass sich die Mehrheit der jüngeren Kollegen mehr vom Leben in der Stadt als auf dem Dorf verspricht, liegt nun mal im Zug der Zeit.

Wer das ändern wollte, müsste zuerst einmal attraktivere Angebote machen, nicht zuletzt beim Verdienst. Solange der Arzt für den Hausbesuch weniger bekommt als der Monteur für die Installation einer Waschmaschine - ganze 21,78 Euro, - solange bedarf es für die Niederlassung auf dem Land einer besonders ausgeprägten Neigung zur Natur oder eines Idealismus, den wir nicht als selbstverständlich voraussetzen oder einfordern dürfen.

Vielmehr gilt es, neue Möglichkeiten kreativ zu nutzen: die Teilhabe immer breiterer Schichten, jüngerer und älterer Menschen, an der Telekommunikation. Wo der Austausch im Netz und das Leben mit dem PC zur Selbstverständlichkeit geworden sind, ist es auch an der Zeit, die Vernetzung für die ärztliche Behandlung zu nutzen. Ganz oben auf der Liste steht die Entwicklung einer ebenso effektiven wie zuverlässigen Telemedizin. Zumal in den ländlichen Gebieten eröffnet sie die Möglichkeit zu einer ärztlichen Betreuung, die am Ort so nicht mehr gegeben ist.

Über den Bildschirm könnten die Patienten ohne umständliche Anfahrt und zeitlich flexibler mit dem Arzt in Verbindung treten. Auf einem persönlichen Patientenkonto, der elektronischen Gesundheitskarte oder im digitalen Archiv wären alle Daten verfügbar und mit einem persönlichen Passwort verschlüsselt. Der Arzt könnte sie nach Ermächtigung durch den Patienten jederzeit abrufen.

In einfacheren Fällen ließe sich eine Therapie per Ferndiagnose abstimmen, in schwierigeren ein Termin in der Praxis vereinbaren. Das sparte auf beiden Seiten Zeit und Geld, vor allem jedoch müsste der Patient nicht befürchten, keinen Arzt erreichen zu können. Auch in Notfällen wäre schnelle Hilfe so leichter zu organisieren. Nicht zu reden vom Zusammenwirken verschiedener Fachrichtungen.

Wer einwendet, dass hierbei der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient verloren ginge, übersieht zweierlei. Erstens haben wir uns längst daran gewöhnt, auch per PC persönlich miteinander zu kommunizieren. Zweitens kann ein besonderes Arzt-Patient-Verhältnis auch heute kaum noch entstehen, wenn die durchschnittliche Konsultation gut sieben Minuten dauert und der Patient kaum zwei Minuten hat, sein Anliegen vorzutragen. Der Arztbesuch per Teleambulanz böte unter Umständen sogar die Chance, sich intensiver mit dem Patienten zu befassen. Auch Befangenheit gegenüber dem Arzt könnte so leichter abgebaut werden.

Sicher, das alles klingt ein bisschen nach Zukunftsmusik. Und wir müssten sie nicht anstimmen, wenn jeder überall ohne lange Wartezeit einen Arzt aufsuchen könnte. Davon aber ist nicht mehr auszugehen. Auch kann die Politik keinen Arzt verpflichten, sich da oder dort niederzulassen. Und schließlich wächst eine Generation nach, die sich fragt, ob sie wegen jedes Bauchgrimmens zum Arzt muss.

Zwar wird sich die ärztliche Behandlung nie ganz oder auch nur überwiegend über den PC abwickeln lassen. Ebenso fahrlässig wäre es aber, wenn wir nicht versuchten, Telemedizin zielstrebig auszubauen. Es wird ohnehin dauern; über Nacht lässt sich da wenig stemmen. Aber so zögerlich wie bisher dürfen wir das Thema nicht weiter behandeln. Es geht um das Wohl der Patienten und am Ende auch um die Zukunft des ärztlichen Berufsstandes.

Ohne den Ausbau der Telemedizin werden wir die flächendeckende medizinische Versorgung aller auf Dauer nicht garantieren können. Ambulante Krankenschwestern könnten schon heute vor Ort allgemeine Untersuchungen durchführen und sich telemedizinisch mit den Ärzten verbinden lassen. Diese Teamarbeit würde die medizinischen Dienste auf dem Land attraktiver machen und zur freien Niederlassung motivieren. Hier sollte die Politik im Verbund mit den Kassen und den ärztlichen Verbänden die Entwicklung zügig vorantreiben und Anreize schaffen. An Ärzten, die sich dafür engagieren, wird es nicht fehlen.

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Quelle:
SZ vom 30.07.2015
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