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Corona-Impfung:Möglicher Grund für Thrombosen gefunden

COVID-19 vaccinations in London

Nach Impfung mit dem Vakzin von Astra Zeneca kann in seltenen Fällen eine Sinusvenenthrombose auftreten.

(Foto: HENRY NICHOLLS/REUTERS)

Forscher meinen, den Grund für Nebenwirkungen von Vektorvakzinen wie Astra Zeneca gefunden zu haben. Wenn sie recht behalten, könnten Hersteller das Problem beheben.

Von Berit Kruse

Ein Forscherteam der Universitäten Frankfurt und Ulm vermutet in einer am Mittwoch als Preprint erschienenen Studie, eine Ursache für die selten auftretenden Sinusvenenthrombosen nach Impfungen mit Vektorimpfstoffen wie dem Vakzin von Astra Zeneca gefunden zu haben. Die Nebenwirkung könnte demnach mit sogenannten Splicing- oder Spleiß-Prozessen im Zellkern zu tun haben.

"Coronaviren sind RNA-Viren, ihr genetischer Code erreicht also nie den Kern einer Zelle", erklärt Lea Krutzke von der Universität Ulm, die an der Studie beteiligt war. Bei Impfstoffen, die auf Adenovektoren beruhen, werde die Sequenz für das Spike-Protein des Virus, gegen das das Immunsystem lernen soll, sich zu wehren, aber auf DNA-Ebene in den Körper geschleust. Der genetische Code für das Virus-Protein kommt so zunächst in den Zellkern, wo er in mRNA übersetzt wird, die im Zellplasma abgelesen wird und die Immunreaktion auslöst. Darauf sei diese Sequenz aber nicht ausgelegt, weil im Zellkern andere Mechanismen stattfinden als in der Zellflüssigkeit. Laut der Studie führt das dazu, dass beim sogenannten Splicing, der Aneinanderreihung von Proteinbestandteilen im Zellkern, nicht nur das eigentliche Spike-Protein gebildet wird, sondern auch veränderte Varianten davon. "Die Vermutung ist, dass sich die Sequenz des Spike-Proteins evolutionär nie an den Splicing-Mechanismus im Zellkern adaptieren musste", sagt Krutzke. Entstehen diese Proteinvarianten, könnten sie mit Thrombosen in Zusammenhang stehen. "Aber das ist noch eine Hypothese."

Die Hersteller haben sich noch nicht zu etwaigen Modifikationen geäußert

Molekularbiologe Rolf Marschalek, der ebenfalls an der Studie gearbeitet hat, hält das für die Schwachstelle dieser Vakzine: "Was die Hersteller möglicherweise nicht bedacht haben, ist, dass das Spike-Protein von einem Gen kodiert wird, das von einem RNA-Virus stammt." Sollte der Splicing-Prozess im Zellkern die Ursache für die Nebenwirkungen sein, würde das auch erklären, warum die Blutgerinnsel nur bei den zugelassenen Vektorimpfstoffen auftreten, nicht aber bei Biontech und Moderna. "Die Sequenz von mRNA-Impfstoffen erreicht den Zellkern nicht", sagt Marschalek. "Splicing-Mechanismen können so nicht entstehen."

Behält das Forscherteam recht, könnten die Vektorimpfstoffe durch Veränderungen an der Spleißstelle so angepasst werden, dass Thrombosen vermieden werden. Marschalek berichtet, er sei mit dem Hersteller Johnson & Johnson diesbezüglich bereits in Kontakt, mit Astra Zeneca gebe es bislang keinen Austausch. Die Hersteller haben sich zu möglichen Modifikationen noch nicht geäußert.

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Aktuell sind die betreffenden Impfstoffe in Deutschland ohne Priorisierung freigegeben und für Personen über 60 empfohlen, die gefährlichen Nebenwirkungen treten auch bei jungen Leuten nur selten auf. Unmittelbare Folgen für die Impfkampagne dürfte die Studie nicht haben. Auch wenn die mögliche Modifikation der Impfstoffe schnell gehen dürfte: Die Herstellung, klinische Untersuchung und neue Zulassung würden im Falle einer Anpassung noch dauern. Außerdem sind Veränderungen am Impfstoff nur dann sinnvoll, wenn sich die Hypothese aus dem Preprint bewahrheitet und tatsächlich klinisch relevante Konsequenzen hat.

Marschalek erklärt: "Wir haben unsere Daten unabhängig und mehrfach verifiziert und sind uns sicher, dass sie stimmen." Dennoch: Die Studie wurde noch nicht von Fachleuten begutachtet. "Wir können noch nicht sicher sagen, in welchem Ausmaß das Splicing stattfindet", räumt Krutzke ein. Folgeuntersuchungen seien notwendig, um diese Eigenschaften von Adenovektor-Vakzinen zu überprüfen.

© SZ/weis
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