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Corona-Impfung:Was Sie über den Impfstoff von Astra Zeneca wissen müssen

Nürnberg vaccination center keeps running even with suspension of Astra Zeneca vaccine

Der Impfstoff von Astra Zeneca soll noch an Jüngere verimpft werden dürfen - aber nur nach genauer Aufklärung.

(Foto: CHRISTOF STACHE/AFP)

Wegen vereinzelt auftretender schwerer Thrombosen soll das Mittel Menschen unter 60 nur noch "nach ärztlichem Ermessen" verabreicht werden. Wie häufig sind die Nebenwirkungen - und wie gefährlich sind sie? Fragen und Antworten.

Eigentlich sollten die Corona-Impfungen mit dem Präparat von Astra Zeneca endlich Fahrt aufnehmen - und nun das. Nach einigen vorsorglichen Warnungen unter anderem aus großen Kliniken preschte am Dienstag zunächst das Land Berlin vor und setzte den Einsatz von Astra Zeneca für Menschen unter 60 Jahren vorerst aus. Es folgten Brandenburg und Nordrhein-Westfalen, auch die Stadt München legte eine Pause bei der Vergabe des Mittels ein.

Später dann empfahl die Ständige Impfkommission diesen Schritt vorläufig für ganz Deutschland. Und die Gesundheitsminister von Bund und Ländern entschieden schließlich: Unter 60-Jährige sollen sich nur noch "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung" weiterhin damit impfen lassen können.

Um das Mittel des britisch-schwedischen Herstellers gab es schon einiges hin und her. Der Impfstoff wurde zugelassen - aber in Deutschland zunächst nur für Personen unter 65, dann sollten auch Ältere damit geimpft werden können. Schließlich wurden die Impfungen damit komplett ausgesetzt, wieder zugelassen - und nun wieder eingeschränkt.

Aber was sind die Gründe für diese holprige Entwicklung? Und was ist über die möglichen Sicherheitsrisiken bekannt? Eine Übersicht.

Worum geht es genau?

Es gibt Verdachtsfälle für eine spezielle Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen (Sinusvenenthrombosen) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie). Das Paul-Ehrlich-Institut, das solche Meldungen sammelt, konstatiert in seinem Sicherheitsbericht "eine auffällige Häufung" in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit Astra Zeneca.

Wie viele Verdachtsfälle gibt es bislang?

Dem Institut wurden bis Montagmittag 31 Verdachtsfälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfung mit dem Corona-Impfstoff von Astra Zeneca gemeldet. In 19 Fällen wurde zusätzlich eine Thrombozytopenie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich.

Was weiß man über diese Verdachtsfälle?

Mit Ausnahme zweier Fälle betrafen alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt. Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden bis einschließlich Montag etwa 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von Astra Zeneca verimpft. Dass letztere Zahl so niedrig ist, liegt daran, dass der empfohlene Abstand zur Zweitimpfung zwölf Wochen beträgt und die EU den Impfstoff erst Ende Januar zugelassen hat. Der Großteil der planmäßigen Zweitimpfungen steht also erst ab Anfang Mai an.

Wie häufig ist diese Komplikation?

Gemeldet wurde dem Paul-Ehrlich-Institut etwa ein Fall pro 100 000 Astra-Zeneca-Impfungen (Stand 19. März), nach den aktuellsten Zahlen vom Montag dürften es etwa 1,15 Fälle pro 100 000 Impfungen sein. Das ist wenig, aber dennoch häufiger als zu erwarten wäre, denn in der Normalbevölkerung ist es noch seltener: "Diese sehr seltene Gerinnungsstörung trat unter den Geimpften häufiger auf, als es zahlenmäßig aufgrund der Seltenheit dieser Gerinnungsstörung ohne Impfung zu erwarten wäre."

Wie entstehen solche Thrombosen?

Andreas Greinacher von der Universitätsmedizin Greifswald zufolge könnten in seltenen Einzelfällen über die Immunantwort des Körpers die Blutplättchen aktiviert werden. Auch andere Forscher vermuten, dass die Bildung der Gerinnsel über eine starke Immunantwort und dabei entstehende Antikörper, die an die Blutplättchen andocken und diese aktivieren, laufen könnte.

Ist die Impfung die Ursache?

"Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nicht klar, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und den Berichten über Immunthrombozytopenie gibt", heißt es beim PEI. Bisher gebe es keinen Nachweis, dass das Auftreten dieser Gerinnungsstörungen durch den Impfstoff verursacht wurde. Es würden aber weitere Untersuchungen stattfinden, um das aufzuklären.

Wie haben die Behörden die Sache bislang beurteilt?

Für die europäische Behörde EMA sind die Vorteile des Vakzins deutlich größer als die Risiken. Es wurde aber beschlossen, zu diesen sehr seltenen Ereignissen einen Warnhinweis in die Fach- und Gebrauchsinformationen aufzunehmen.

Dem Paul-Ehrlich-Institut zufolge werden zwar mehr Verdachtsfälle nach Astra-Zeneca-Impfungen gemeldet als bei den anderen Impfstoffen. Daraus könne man aber "nicht zwangsläufig auf eine höhere Reaktogenität des Impfstoffes geschlossen werden", berichtet das Institut. Die erhöhte Melderate könne "auch mit der erhöhten medialen Aufmerksamkeit" zusammenhängen.

Wie ist es in Großbritannien, wo viel Astra Zeneca eingesetzt wird?

In Großbritannien sind laut Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) bis Mitte März vier Fälle von Hirnvenenthrombosen in zeitlichem Zusammenhang mit Astra-Zeneca-Impfungen aufgetreten, keine davon soll tödlich verlaufen sein. Insgesamt sind bereits Millionen Menschen mit dem Impfstoff geimpft worden. Da die Impfkampagne schon weit vorangeschritten ist, werden zurzeit 50- bis 59-Jährige geimpft. Großbritannien hatte zu keinem Zeitpunkt die Impfungen mit Astra Zeneca pausiert. Angesichts der großen Zahl verabreichter Dosen und der Häufigkeit, mit der Blutgerinnsel auf natürliche Weise aufträten, gebe es keinen Anlass für einen Stopp, so die MHRA.

Welche Rolle spielt die Altersgruppe?

Bei den Altersempfehlungen für Astra Zeneca gab es inzwischen schon Änderungen. Die Ständige Impfkommission hatte das Mittel zuerst nur für Menschen unter 65 Jahre empfohlen - wegen mangelnder Studiendaten für Ältere. Etwas später wurde dies aber aufgehoben und die Impfung für alle ab 18 empfohlen. Im Licht der jüngsten Fälle empfiehlt Gremium nun, das Mittel erst ab 60 zu verwenden. Die Beschlüsse von Bund und Ländern sehen vor, dass bei Jüngeren die Impfung für die Prioritätengruppen eins und zwei nach "sorgfältiger" ärztlicher Beratung ebenfalls fortgesetzt werden kann.

Welche Bedeutung hat Astra Zeneca für den Impffortschritt in Deutschland?

Astra Zeneca spielt dabei eine wichtige Rolle, auch für die nach Ostern angestrebte stärkere Einbeziehung der Arztpraxen. Im ganzen Jahr 2021 werden Lieferungen von mehr als 56 Millionen Dosen erwartet. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert: "Damit die Impfkampagne endlich Fahrt aufnehmen kann, müssen Impfwillige die Wahlfreiheit bei den Seren erhalten." Doch damit dürfe nicht die ethische Reihenfolge beim Impfangebot aufgegeben werden, sagte Vorstand Eugen Brysch. "Sonst kommen immobile, schwerstkranke und pflegebedürftige Menschen unter die Räder." Und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert im Interview mit der SZ: "Mehr Biontech bei den Jüngeren und mehr Astra Zeneca bei den Älteren."

© SZ/dpa/jael
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