Arzt-Patienten-Verhältnis:Könnte, muss aber nicht

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Zunehmend tauchen in den Diagnose-Listen, die traditionell oben in den Arztbriefen stehen, Begriffe auf, die keine Krankheit und auch keine Beschwerden widerspiegeln, sondern auffällige Laborbefunde oder Normabweichungen im Röntgenbild.

Hyperurikämie beispielsweise bezeichnet einen erhöhten Harnsäurespiegel, irgendwann könnte sich daraus Gicht entwickeln. Könnte, muss aber nicht - von einer Krankheit sollte man daher nicht sprechen. Ähnliches gilt für die Hypercholesterinämie. Erhöhte Blutfette allein sind noch keine Krankheit, müssen auch nicht zu einer werden - die Hälfte aller Patienten mit Herzinfarkt hat normale Cholesterinwerte.

Am Beispiel der immer weiter gesenkten Grenzwerte für Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht zeigt sich, wie die Ausweitung der Diagnosen die Menschen flächendeckend krank macht. Nimmt man die derzeitigen Obergrenzen für Cholesterin und Blutdruck ernst, würden drei Viertel aller Erwachsenen darüber liegen. Als die amerikanischen Gesundheitsbehörden Ende der 1990er-Jahre die Grenze zum Übergewicht vom Body-Mass-Index 27,5 auf 25 absenkten, wurden auf einen Schlag allein in den USA 40 Millionen Gesunde zu potenziellen Risikoträgern.

Zu viel überflüssige Medizin

Der Sozialmediziner David Klemperer von der Technischen Hochschule Regensburg weist darauf hin, dass der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen kürzlich den "nicht indikations- und situationsbezogenen Einsatz medizinischer Leistungen als zentrales Problem der Medizin" bezeichnet hat.

Auf Deutsch: zu viel falsche und zu viel überflüssige Medizin. Klemperer kennt absurde Beispiele für Über- und Fehlversorgung, etwa dass im Emsland die Gebärmutter doppelt so häufig entfernt wird wie in Aurich, Leistenbrüche an der Mosel viermal häufiger im Krankenhaus operiert werden als in Regensburg und in Siegen und Lüchow-Dannenberg vier- bis fünfmal so viele Bypässe gelegt werden wie in Nordfriesland, Jena oder im Schwarzwald.

"Ärzte überschätzen oft den Nutzen einer Behandlung", sagt Klemperer. "Zu viel Medizin droht besonders dann, wenn eine Therapie neu und teuer ist, früher beginnt und technisch komplex erscheint." Derartige Denkmuster sind bei Ärzten wie Patienten verbreitet - dazu zählt auch: mehr ist besser als weniger, behandeln ist besser als nicht behandeln. "Das richtige Maß muss das Ziel sein, auch wenn das nicht einfach ist", sagt Klemperer. "Es gibt aber fast immer zwei Optionen, und darüber sollten Patienten fair aufgeklärt werden."

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