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Familienplanung:Frauen funktionieren nicht nach Algorithmen

Einige Zyklus-Apps setzen Algorithmen ein, die weitere Parameter berücksichtigen: Sie beziehen die Länge der bisher protokollierten Zyklen in die Berechnung ein, manchmal auch die Körpertemperatur, die nach dem Eisprung um wenige Zehntelgrad ansteigt (und die eine Frau, um diese Information nutzen zu können, natürlich regelmäßig messen muss). Unsicher bleiben die Vorhersagen trotzdem: "Die Abbildung biologischer und physiologischer Vorgänge ist sehr komplex, die verwendeten Modelle beruhen aber auf Algorithmen, die nicht immer mit der weiblichen Physiologie kompatibel sind", sagt Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule in Hannover. Der Mediziner leitet eine Forschergruppe, die Gesundheits-Apps wissenschaftlich untersucht.

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Außerdem werde meist nicht offengelegt, wie die Anbieter die gesammelten Daten weiterverarbeiten: "Der Datenschutz ist bei vielen Apps ungeklärt", konstatiert Albrecht. Und gibt zu bedenken: "Gesundheitsdaten sind ein wertvolles Gut und könnten sich zu Marketingzwecken nutzen lassen." Je nach Profil landet dann möglicherweise demnächst Werbung für Verhütungsmittel oder für Windeln im Postfach.

Kann man mit Zyklus-Apps verhüten?

Elisabeth Raith-Paula formuliert es drastisch: Für junge Mädchen, die solche bunt und spielerisch gestalteten Apps gern benutzten, seien die Fruchtbarkeitsvorhersagen "brandgefährlich": "Bei ihnen ist der Zyklus besonders unregelmäßig. Wenn sie sich auf die Apps verlassen, besteht die Gefahr ungewollter Schwangerschaften." Die Apps suggerierten, dass sich der Verlauf des Zyklus sicher vorhersagen lasse, doch "für den aktuellen Zyklus können mit der Kalendermethode keinerlei verlässliche Aussagen getroffen werden". Den jungen Frauen sei das meist nicht bewusst: "Sie sagen mir 'Ich weiß, dass ich gerade fruchtbar bin, weil meine App das so anzeigt'."

Für Frauen, die mit den hormonellen Abläufen in ihrem Körper vertraut sind, können die Apps nach Einschätzung von Christian Albring, Frauenarzt in Hannover und Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, unter bestimmten Bedingungen zur Verhütung geeignet sein, nämlich "wenn der Zyklus sehr regelmäßig ist und regelmäßig über eine sehr lange Zeit, am besten über viele, viele Monate, jeden Morgen nach dem Aufwachen die Körpertemperatur gemessen wird". Aussagekräftig sind diese Daten auch nur dann, wenn nicht andere Faktoren die Körpertemperatur beeinflusst haben: Reisen, unregelmäßige Schlafzeiten, Infektionen oder Sport können sie in die Höhe treiben. "Die App sollte Möglichkeiten anbieten, alles einzutragen, was zu einer Erhöhung der Körpertemperatur führen kann, denn nur so kann eine Fehlbeurteilung verhindert werden", sagt Albring.

Befruchtung

Der lange Weg zur Zeugung

Beurteilung ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort: Entscheidend ist, dass verschiedene Daten richtig bewertet werden. Auf diesem Prinzip basiert auch die sogenannte Natürliche Familienplanung (NFP), bei der Frauen anhand von Körpertemperatur und weiteren Signalen ihres Körpers ihre fruchtbaren Tage bestimmen. Eine Methode, die funktionieren kann, wenn man sie gelernt hat, die aber einige Erfahrung erfordert. Die Apps lassen sich dafür nutzen, einige sind auch speziell darauf abgestimmt: Sie sammeln elektronisch die Informationen, die sonst in Papiertabellen eingetragen werden. Auswerten allerdings muss der Mensch.