Antibiotikaresistenzen Spur der Superkeime

Hier ist das gelbe Antibiotikum gegen die Bakterien noch wirksam - die Bakterien kommen nicht an das Plättchen heran.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

In Indien sind erschreckend große Mengen Medikamente und resistente Erreger in der Nähe von Pharmafirmen gefunden worden. Was Sie über das Problem Superbug wissen sollten.

Von Berit Uhlmann

In einer neuen Untersuchung haben Wissenschaftler sehr hohe Mengen von Medikamentenrückständen in der Nähe indischer Pharmafabriken entdeckt. Von dem Anti-Pilzmittel Fluconazol fanden die Forscher so viel, dass sie sagen können, sie hätten den höchsten Wert bestimmt, der jemals von einem Medikament in der Umwelt gemessen wurde. Auch viele Antibiotika waren in den Proben, deren Entnahme das Rechercheteam von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung veranlasst hatte. Die Pharmaabwässer könnten somit eine weitere Quelle für das massenhafte Auftreten von Superkeimen sein. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum globalen Problem der Antibiotikaresistenzen.

Was sind Superkeime?

Superkeim ist eine griffige, aber keine wissenschaftliche Bezeichnung für Krankheitserreger, die resistent gegen Medikamente sind. In der Regel werden darunter Bakterien verstanden, bei denen Antibiotika versagen. Im einfacheren Fall bleibt lediglich das Standardmedikament wirkungslos; Patienten können dann auf Reserve-Arzneien ausweichen. Zunehmend verlieren jedoch auch diese Notfallmittel ihre Schlagkraft. Ärzte müssen dann ein Medikament nach dem anderen ausprobieren, was die Krankheit verlängern und zu mehr Nebenwirkungen führen kann. Bei manchen Erregern sind Mediziner bereits an das Ende ihrer Möglichkeiten gelangt. Besonders eklatant war der Fall einer Amerikanerin, die sich in Indien mit resistenten Keimen infiziert hatte. Sie erhielt 26 verschiedene Antibiotika, von denen kein einziges half. Die Frau starb.

Wie entstehen Resistenzen?

Für Bakterien gilt der alte Spruch: Was sie nicht umbringt, macht sie stärker. Werden die Mikroben mit Antibiotika bekämpft, gehen viele von ihnen zugrunde, einige aber überleben und haben nun mehr Raum, um sich zu vermehren und zu verbreiten. Dieser Prozess wird durch den massenhaften und unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika begünstigt.

Antibiotika Super-Erreger in der Nähe von Pharmafabriken nachgewiesen
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In den USA wird jede zweite Antibiotika-Verschreibung als unnötig erachtet. In Deutschland sind nach einer Auswertung der Krankenkasse DAK 30 Prozent der Verschreibungen "fragwürdig". Auch die massenhaft in der Tiermast eingesetzten Antibiotika befeuern Resistenzen. Von den Nutztieren können die widerstandsfähigen Keime in den Organismus von Landwirten, in die Umgebung oder auch in das Essen der Verbraucher gelangen. Verlässliche Zahlen zu dem Problem aus dem Tierstall sind allerdings rar.

Wen gefährden Resistenzen?

Prinzipiell jeden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt davor, dass Resistenzen kein Zukunftsszenario sind, sondern "jeden, in jedem Alter und jedem Land" treffen können. Besonders gefährdet sind allerdings Menschen mit eingeschränkt arbeitendem Immunsystem. Viele der Bakterien sind Allerweltskeime, die in der Umwelt wie in den Körpern vieler Menschen vorkommen. Das Immunsystem gesunder Menschen hält sie problemlos in Schach. Dringen die Erreger aber in die Körper schwer kranker Menschen oder Neugeborener ein, können sie dort tödliche Infektionen hervorrufen. Dies passiert in erster Linie in Krankenhäusern.

Wie groß ist das Problem?

Die Europäische Seuchenschutzbehörde ECDC schätzt, dass europaweit jedes Jahr 25 000 Klinikpatienten an einer Infektion mit einem resistenten Erreger sterben. Für Deutschland geht das Robert-Koch-Institut von 1000 bis 4000 derartigen Todesfällen jährlich aus. Exaktere Erkenntnisse sind schwierig zu erlangen, weil viele der Opfer Schwerkranke sind, bei denen nur schwer zu unterscheiden ist, ob der Tod auf den zähen Keim oder die Grunderkrankung zurückgeht.

Was kann ich tun, um Resistenzen zu vermeiden?

Antibiotika sollten nur dann eingenommen werden, wenn sie wirklich nötig und hilfreich sind. Wer seinen Arzt drängt, ihm wegen einer harmlosen Erkältung Antibiotika zu verschreiben, kann kaum Besserung erwarten, denn banaler Schnupfen und Husten werden durch Viren verursacht, gegen die Antibiotika machtlos sind. Er riskiert jedoch, Resistenzen den Weg zu bahnen.

Wichtig ist auch, die Medikamente unbedingt so lange einzunehmen, wie verschrieben - selbst wenn die Symptome bereits viel besser geworden sind. Wer die Medikamente vorzeitig absetzt oder die Dosis eigenmächtig reduziert, erleichtert es Krankheitserregern, sich an die Antibiotika anzupassen.

Um seltener in eine Situation zu geraten, in der Antibiotika nötig sind, helfen einfache Hygieneregeln: Näheren Kontakt zu Erkrankten nach Möglichkeit meiden, häufiges Händewaschen, Kondome benutzen und auf Küchenhygiene achten. (Mehr dazu lesen Sie hier).

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