Gesundheitsvorsorge:Nur zur Sicherheit: Antibiotika nach dem Sex für Risikogruppen?

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Treponema pallidum, der Erreger der Syphilis (rot eingefärbt). (Foto: PD Dr. Annette Moter/dpa)

Die US-Seuchenschutzbehörde empfiehlt trans Frauen und Männern, die mit Männern schlafen, vorsorglich Medikamente gegen Geschlechtskrankheiten zu nehmen. Ist das wirklich eine gute Idee?

Von Hanno Charisius

Die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde empfiehlt bestimmten Menschen, vorsorglich Antibiotika gegen sexuell übertragbare Infektionen einzunehmen. Wer ein erhöhtes Risiko hat, sich mit Syphilis, Gonorrhoe oder Chlamydien zu infizieren, soll demnach nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr innerhalb von 72 Stunden einmal das Breitbandantibiotikum Doxycyclin nehmen. Zur Hochrisikogruppe zählen die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) sexuell sehr aktive Männer, die Sex mit Männern haben, sowie trans Frauen, die sich in den zurückliegenden zwölf Monaten mit einer Geschlechtskrankheit infiziert hatten.

Laut den CDC sei diese Maßnahme dringend nötig. Insbesondere die Ausbreitung der Syphilis sei in den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren besorgniserregend gewesen. Im Jahr 2022 waren den CDC 2,5 Millionen Infektionen mit Syphilis, Gonorrhoe oder Chlamydien gemeldet worden. Auch die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC registrierte zuletzt einen steilen Anstieg der Fallzahlen. Im Jahr 2022 stieg die Zahl der gemeldeten Gonorrhoefälle im Vergleich zum Vorjahr um 48 Prozent auf gut 71 000 an, die Syphilisfälle stiegen um 34 Prozent auf etwa 35 400 und die Chlamydieninfektionen um 16 Prozent auf über 216 000.

Die vorsorgliche Einnahme von Medikamenten nach einer möglichen, aber nicht nachgewiesenen Infektion wird auch als Postexpositionsprophylaxe bezeichnet, kurz PEP. Beim Schutz vor HIV hat sich das Konzept bewährt. Seit einigen Jahren wird es auch im Zusammenhang mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten diskutiert. „Der Unterschied zur HIV-Prophylaxe ist aber grundsätzlich der, dass bei dieser nicht andere Erreger resistent werden gegen breit anwendbare Arzneimittel“, sagt Gerd Fätkenheuer, der bis vor einigen Monaten die Infektiologie der Uniklinik Köln geleitet hat. Den Einsatz des Breitbandantibiotikums Doxycyclin zur Vorsorge sieht er deshalb kritisch. „Ich kann so eine Entscheidung nicht unterstützen, deren Konsequenzen nicht absehbar sind.“

Das Antibiotikum zerstört auch für den Körper wichtige Bakterien

Zwar stellt er nicht in Abrede, dass Doxycyclin-PEP geeignet wäre, um Infektionen zu verhindern. Das sei gut untersucht und wird auch von den CDC betont. Er warnt aber vor dem Risiko, dass sich resistente Keime bilden könnten. Zudem vernichtet das Antibiotikum nicht nur Krankheitserreger, sondern auch für den Körper wichtige Bakterien. Eine regelmäßige Einnahme von Doxycyclin könne erhebliche negative Auswirkungen haben, meint Fätkenheuer. Er sähe die Sache vielleicht anders, wenn es keine andere Möglichkeit gäbe, die Krankheiten zu verhindern. „Die gibt es aber, zum Beispiel durch den Schutz von Kondomen.“

Auch die Deutsche STI-Gesellschaft hat sich im vergangenen Jahr in einer Stellungnahme gegen eine breite Anwendung von Doxy-PEP ausgesprochen, im Einzelfall solle die vorsorgliche Einnahme von Doxycyclin jedoch erwogen werden. Dies vor allem, um Antibiotikaresistenzen vorzubeugen. Allerdings sei die Lage in den USA insbesondere bei Gonokokken anders als in Deutschland, sagt Anja Potthoff, Leitende Ärztin am Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin am Katholischen Klinikum Bochum, die an dem DSTIG-Papier mitgearbeitet hat. In Deutschland werde durch Doxycyclin kein Schutz vor Gonorrhoe erreicht. „Wir empfehlen eine genaue Abwägung und Prüfung und nicht die Gabe bei jedem ungeschützten Geschlechtsverkehr.“

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Mit dieser Position kann sich auch Jan Rupp arrangieren, er ist Direktor an der Klinik für Infektiologie und Mikrobiologie in Lübeck. „Ein breiter Einsatz von Antibiotika steht dem komplett entgegen, was wir eigentlich versuchen: Antibiotika so wenig und so gezielt wie möglich einzusetzen, um Resistenzen zu verhindern.“ Nachhaltigkeit sei beim Gebrauch von Antibiotika ein wichtiger Aspekt. „Es verlieren mehr Antibiotika ihre Wirksamkeit als neue entwickelt werden.“ Er findet die Empfehlungen der DSTIG angemessener, Doxy-PEP im Einzelfall auszuprobieren. Zum Beispiel, wenn jemand häufig wechselnde Sexualpartner habe, regelmäßig mit einer Geschlechtskrankheit in die Praxis käme und man im Gespräch auch alle anderen möglichen Schutzmaßnahmen besprochen habe.

Rupp warnt auch vor dem Eindruck, durch den breiteren Einsatz von Doxy-PEP könne die Zahl der Infektionen mit Geschlechtskrankheiten insgesamt deutlich sinken. Dazu sei die Gruppe zu groß, und man könne nicht alle erreichen. Aber das individuelle Risiko werde gesenkt. Wichtig sei, eine solche Behandlung engmaschig medizinisch zu begleiten, zum Beispiel in einer Schwerpunktpraxis, die auch HIV-Prophylaxe anbietet.

In der Debatte solle aber auch nicht vergessen werden, dass sexuell übertragbare Krankheiten kein Nischenthema einer Hochrisikogruppe seien, sondern die breite Bevölkerung betreffen, betont Rupp. Oft würden Geschlechtskrankheiten als Problem schwuler Männer abgetan, was nur zur Stigmatisierung beitrage. Dass hinter einer ungewollten Kinderlosigkeit auch eine zurückliegende Infektion stecken könnte, sei vielen Menschen nicht bewusst und werde in Aufklärungskampagnen meist auch nicht thematisiert.

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