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Antibiotika-Einsatz:Regierung beschließt Strategie gegen resistente Keime

Antibiotika verlieren mehr und mehr an Wirkung. Mit strengeren Meldepflichten, schärferer Überwachung und Forschung will die Bundesregierung diese Entwicklung bremsen.

Einst halfen Antibiotika im Kampf gegen Bakterien und machten mit einem Mal Krankheiten beherrschbar, die zuvor tödlich verliefen. Noch immer sind Antibiotika in der modernen Medizin unabdingbar, etwa bei der Behandlung von Infektionskrankheiten. Doch die Medikamente wirken seit Jahren immer schlechter: Zu viele Patienten werden mit Antibiotika behandelt, viele Erreger entwickeln Resistenzen. Die einstigen Wundermittel, sie sind entzaubert.

Die Bundesregierung will nun entschiedener als bislang gegen den Trend vorgehen und den Missbrauch von Antibiotika bei der Behandlung von Menschen und Tieren eindämmen. Am Mittwoch hat das Kabinett die Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie beschlossen, kurz DART 2020. In Deutschland infizieren sich nach offiziellen Angaben jährlich 400 000 bis 600 000 Menschen 
im Krankenhaus, bis zu 15 000 Patienten sterben daran. Nach Ansicht der Bundesregierung könnten diese Zahlen um bis zu ein Drittel gesenkt werden.

Konkret sollen daher die Meldepflichten für multiresistente Keime verschärft werden, zudem soll eine bessere Datenbasis in Zukunft dabei helfen, mögliche Infektionsketten zu durchbrechen. Eine besondere Rolle spielt die Hygiene in Krankenhäusern. Bei der Aufnahme in die Klinik sollen Patienten noch besser auf bestehende Infektionen hin getestet werden. Auch Besucher sollen stärker als bislang ihren Beitrag leisten, etwa durch eine verstärkte Desinfektion der Hände beim Betreten der Klinik. Zur Zeit laufe bereits ein Förderprogramm für mehr Hygiene in Krankenhäusern
mit einem Volumen von 300 Millionen Euro.

Darüber hinaus plädierte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) dafür, das Problem auch auf internationaler Ebene anzupacken. "Resistenzen machen nicht an Grenzen
 halt", sagte Gröhe. "Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, drohen die Behandlungsmöglichkeiten in ein Vor-Penicillin-Zeitalter zurückzufallen, mit dramatischen Konsequenzen." Zu Beginn der kommenden Woche soll daher auf der Weltgesundheitsversammlung der WHO ein weltweiter Aktionsplan erarbeitet
 werden, auch beim Treffen der sieben führenden Industrienationen
 (G7) im Juni im bayerischen Elmau will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das
Thema diskutieren.

Vertreter von Ärzten, Kliniken und Patienten sehen sich jeweils gegenseitig in der Pflicht, etwas gegen Antibiotika-Resistenzen zu unternehmen. Die Ärzte forderten auf dem Deutschen Ärztetag in Frankfurt, den Kliniken mehr Personal für den Kampf gegen die Keime zur Verfügung zu stellen. "Leider mangelt es in deutschen Krankenhäusern auch bei der täglichen Patientenversorgung an ausreichendem ärztlichen und pflegerischen Personal", heißt es in einem Beschluss der Delegierten. Darüber hinaus müsse bereits bei der Ausbildung junger Mediziner angesetzt werden, die Zahl der Universitäts-Lehrstühle für Krankenhaus- und Umwelthygiene müssten aufgestockt werden.

Viele Patienten bringen die Keime selbst mit

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, weist eine ausschließliche Verantwortung der Kliniken zurück, er sieht auch die niedergelassenen Ärzte in der Pflicht. "Sehr viele Patienten, die Infektionen im Krankenhaus erleiden, haben die verursachenden Keime selbst mit in die Klinik gebracht", sagte Baum. Daher sei es zwar konsequent, dass die Kliniken Patienten im Vorfeld auf Infektionen untersuchten. "Noch besser wäre es, schon im Vorfeld geplanter stationärer Eingriffe Risikopatienten von ambulant tätigen Ärzten untersuchen und gegebenenfalls behandeln zu lassen, so dass diese Patienten bereits ohne multiresistente Keime in die Klinik kämen."

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, hält freiwillige Screenings dagegen für unzureichend. "Eine nationale Antibiotika-Resistenzstrategie muss auch
 die Krankenhäuser zum Patienten-Screening gesetzlich verpflichten." So weit geht die Bundesregierung mit ihrem Entwurf allerdings nicht.

© SZ.de/beu
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