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Antibiotika:Mehr als 70 Prozent der Touristen bringen resistente Erreger aus Indien mit

Lübbert weiß, dass solche Keime häufig aus fremden Ländern mitgebracht werden. Mehr als 70 Prozent aller Touristen bringen Studien zufolge resistente Erreger aus Indien mit. Sie sind nicht krank, tragen die Keime aber in ihrem Körper. "Wenn wir diese Bakterien nicht kontrollieren können, dann könnte es sein, dass wir in 30, 40 Jahren wieder - wie vor der Einführung der Antibiotika - überwiegend an nicht behandelbaren Infektionskrankheiten sterben", sagt Lübbert. Tim Eckmanns, Fachgebietsleiter für Infektionsforschung am Robert-Koch-Institut, denkt deshalb über ein generelles Gesundheits-Screening für Rückkehrer von Indienreisen nach.

Derzeit kämpfen Ärzte am Universitätsklinikum in Frankfurt gegen multiresistente Klebsiella-Keime. Fünf Patienten haben sich infiziert, drei sind gestorben, wenn auch nach Einschätzung der Ärzte an ihrer Grunderkrankung, nicht an der Infektion. Vor zwei Jahren gab es an der Universitätsklinik in Kiel elf Todesfälle, nachdem ein Urlauber aus der Türkei mit einem Erreger eingeliefert worden war, der gleich gegen vier Antibiotika resistent war. In Indien kommt das Antibiotikum Colistin, das in Deutschland nur im Notfall, nämlich gegen multiresistente Erreger, eingesetzt wird, schon bei jedem dritten Patienten zum Einsatz.

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Ein Student aus Deutschland infiziert sich in Indien mit einer vielfach resistenten Form von Tuberkulose. Für den jungen Mann beginnt ein medizinischer Albtraum.   Von Kai Kupferschmidt

So erreichte eine Amerikanerin, die in Indien behandelt wurde, einen traurigen Rekord: Sie wurde im August 2016 in ein Krankenhaus in Reno (Nevada) eingeliefert, nachdem sie wegen eines Hüftbruchs zwei Jahre lang immer wieder in indischen Krankenhäusern behandelt worden war. Die Keime in ihrem Blut waren gegen sämtliche 26 zugelassenen Antibiotika resistent, die in ihrem Fall infrage kamen.

Die Frau starb. Dass die Medikamente aus den Gewässern von Hyderabad von den Pharmafirmen stammen, ist letztlich nicht bewiesen, aber sehr wahrscheinlich: "Es gibt angesichts der hohen Konzentrationen keine andere logische Erklärung", meint der schwedische Umweltpharmakologe Joakim Larsson, der sich seit vielen Jahren mit der Thematik befasst. So wurde das Antibiotikum Moxifloxacin in der beachtlichen Menge von knapp 700 Mikrogramm pro Liter in einem Kanal direkt an einer Pharmafabrik nachgewiesen, die dieses Mittel für den europäischen Markt herstellt. Die Konzentration liegt mehr als 5 500-mal über dem Grenzwert, ab dem Resistenzen entstehen.

Ob die unter solchen Bedingungen entstehenden resistenten Keime aus der Umwelt zu Krankheiten beim Menschen führen, ist nicht sicher bewiesen. Es ist aber einer von mehreren möglichen Wegen, auf denen multiresistente Keime zur Gefahr werden. Die größte Brutstätte für Superbugs dürften nach wie vor Krankenhäuser sein, wo Antibiotika zu häufig und zu sorglos verabreicht werden. Auch Tierställe stehen im Verdacht. Dort werden die Medikamente mitunter in großen Mengen eingesetzt, um Erkrankungen zu bekämpfen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung geht allerdings davon aus, dass die Übertragung resistenter Bakterien vom Vieh auf den Menschen eher "von untergeordneter Bedeutung für die Infektionen des Menschen" ist. Die Umwelt ist jedoch der Ort, wo sich die Entstehung solcher Keime am ehesten verhindern ließe.

Auch in Deutschland gelangen immer wieder Keime ins Abwasser von Kliniken oder Antibiotika in Kläranlagen. Wenn sie auf diesem Wege in die Umwelt gelangen, sterben sie aber in der Regel schnell ab. Denn meistens sind Resistenzen gegen Antibiotika für Keime nur dann ein Überlebensvorteil, wenn sie sich in einer Umwelt voller Antibiotika behaupten müssen, wie in den Abwasserkanälen von Hyderabad. Sonst sind die Gene oft eher ein Nachteil, weil sie den Stoffwechsel belasten.