ECDC-Direktorin:„Ich habe mich in 37 Jahren keine Minute gelangweilt“

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Andrea Ammon ist Ärztin. Sie arbeitet seit 2005 beim ECDC, seit 2017 als dessen Direktorin. (Foto: picture alliance/dpa/ECDC)

Die deutsche Ärztin Andrea Ammon ist Europas oberste Seuchenschützerin; in wenigen Tagen geht sie in Rente. Ein Gespräch darüber, wie die Pandemie ihre Arbeit veränderte und warum sie nun in einen dunklen Flecken Bayerns ziehen möchte.

Interview von Berit Uhlmann

Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) ist die Seuchenschutzbehörde der EU. Das Zentrum beobachtet das weltweite Infektionsgeschehen und berät Regierungen in Fragen des Infektionsschutzes. Seit 2017 leitet die deutsche Ärztin Andrea Ammon die Institution offiziell. Am 15. Juni geht sie in Rente und übergibt die Leitung an die frühere österreichische Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner.

SZ: Frau Ammon, in der SZ wurde schon Mitte der 1980er Jahre eine Andrea Ammon erwähnt. Sie trat zu den Squash-Kreismeisterschaften im bayerischen Attaching an. Es gab nur vier Teilnehmerinnen, aber Frau Ammon hat gewonnen. Waren Sie das?

Andrea Ammon: (lacht) Ja, früher habe ich viel Squash gespielt. Danach nur noch sporadisch. Aber für so etwas ist ja bald wieder Zeit.

Das stimmt. Sie beenden in Kürze eine lange Karriere. Wie fühlt sich das an?

Ich habe im Gesundheitsamt in Freising angefangen, habe dann im Sozialministerium in München gearbeitet, dann beim Robert-Koch-Institut und die vergangenen 19 Jahre beim ECDC. Ich kann heute eines sagen: Ich habe mich in den 37 Jahren keine Minute gelangweilt. Der Bereich der Infektionskrankheiten ist so dynamisch, es kommt immer etwas Neues.

Das größte Ereignis, das Sie erlebt haben, war sicher die Corona-Pandemie, die mitten in Ihre Amtszeit als Direktorin der ECDC fiel. Wie haben Sie darauf reagiert?

Als Anfang 2020 der Verdacht aufkam, dass es auch asymptomatische Virusübertragungen geben könnte, war ziemlich klar: Das wird sehr weite Ausmaße annehmen. Wir haben dann bis auf ein paar wirklich essenzielle Projekte alles gestoppt. Wir mussten permanent die Empfehlungen aktualisieren, weil es immer wieder neue Erkenntnisse gab. Es gab Hunderttausende Meetings. In dieser Zeit haben wir regelmäßig in zwei Schichten von sechs bis 22 Uhr gearbeitet. Außerdem gibt es ohnehin immer Kollegen, die auch nachts das Infektionsgeschehen beobachteten.

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Nun sitzt die ECDC in Schweden, ausgerechnet in jenem Land, das einen Sonderweg in der Pandemie einschlug. Inwieweit hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Auch wenn Schweden unser Gastland ist, ist es für uns ein Mitgliedsstaat wie jeder andere. Und jedes Land hat die Maßnahmen ein wenig an seinen Kontext angepasst. In Schweden wurden die Grundschulen offen gehalten; Gesichtsmasken wurden nicht durchgängig empfohlen. Ansonsten haben sich die Empfehlungen der Regierung aber nicht sehr von denen des ECDC unterschieden. Auch hier waren die Straßen viel leerer als sonst.

Die ECDC hat keine Weisungsbefugnis. Hätten Sie sich manchmal gewünscht, Dinge einfach anweisen zu können?

Natürlich. Wir sind dafür da, Zahlen für die ganze EU aufzustellen. Doch in der Pandemie haben die Länder die Corona-Zahlen sehr unterschiedlich erhoben. Manche haben nur Menschen getestet, die ins Krankenhaus gekommen sind. Andere haben jede Woche zehn Prozent ihrer Bevölkerung getestet. Natürlich sind diese Zahlen nur schwer vergleichbar. Aber auf ihrer Basis mussten wir die berüchtigten Karten erstellen, rot für Länder mit vielen Fällen, grün für wenige. Die wurden dann als Basis für Reiserestriktionen hergenommen. Da hätte ich mir gewünscht, dass wir sagen können, wie europaweit vergleichbare Daten erhoben werden müssen.

Ich möchte allerdings nicht, dass wir den Ländern sagen, welche Gesundheitsmaßnahmen sie in ihren Kindergärten ergreifen sollen. Dazu sind wir auch zu weit weg.

Jetzt wird viel über die Aufarbeitung der Pandemie debattiert. Welche Art von Rückschau halten Sie für wichtig?

Wichtig ist, bei der Aufarbeitung den damaligen Wissensstand zu berücksichtigen. Sonst wird es unfair. Die Pandemie hat uns alle vor Situationen gestellt, die wir so noch nie erlebt haben. Die Länder hatten damals ganz unterschiedliche Ideen, wie man damit umgehen kann. Zum Beispiel, wie man schnell mehr Klinikbetten organisiert. Manche Ideen haben funktioniert, manche nicht. Es ist wichtig, das jetzt festzuhalten für spätere Zeiten.

Wir haben auch gesehen, dass es notwendig ist, Maßnahmen, zu denen wir nicht viel Erfahrung haben, von Anfang an durch Forschung zu begleiten. Das ist nicht einfach; in solchen Krisensituationen geht eh alles drunter und drüber. Aber man kann sicher einiges vorbereiten, um solche Studien dann schneller beginnen zu können.

Wie hat sich das ECDC verändert, seit Sie die Leitung angetreten haben?

Die größten Veränderungen kamen mit der Pandemie. Wir haben mehr Sichtbarkeit, auch global. Es freut mich, dass das ECDC jetzt nicht mehr so irgendwo im Hintergrund ist, sondern mehr Gewicht hat. Unsere Empfehlungen und Vorschläge werden jetzt vielleicht auch schneller umgesetzt. Und wir haben einen intensiveren Dialog mit den Mitgliedsstaaten begonnen. Bisher verlief der nicht unbedingt immer in beide Richtungen.

Was heißt das?

Die Länder haben uns schon immer ihre Daten geliefert, manchmal gab es auch einen Austausch darüber. Aber nur wenige sind von sich aus an uns herangetreten und haben um Hilfe gebeten. Insbesondere die nicht, von denen ich gedacht hätte, dass sie zusätzliche Unterstützung am nötigsten brauchen.

Und das ist jetzt anders?

Wir haben unseren Ansatz geändert. Wir gehen jetzt auch von uns aus aktiv auf die Länder zu.

Was sagen Sie denen dann?

Zum Beispiel habe ich in der Pandemie gezielt Vertreter jener Länder angesprochen, deren Corona-Impfquote deutlich unter dem EU-Durchschnitt lag. Wir haben dann alles Mögliche zu hören bekommen. Zum Beispiel, dass zum Teil auch Hausärzte der Impfung skeptisch gegenüberstanden. Daraufhin haben wir Seminare für diese Mediziner organisiert. Das hat noch nicht den großen Durchbruch gebracht. Aber wir konnten sehen, dass die Länder offen für solche Ansätze sind.

Was hätten Sie gerne noch erreicht?

Ich wollte auch gerne den inneren Umbau des Zentrums vorantreiben. Dass die Mitarbeiter alle mit einem gemeinsamen Ziel zusammenarbeiten. Es wäre schön, wenn das auch außerhalb einer Pandemie funktioniert. Jetzt gibt es wieder stärker den Anspruch, dass das eigene Gebiet das wichtigste sei.

Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin mit? Falls diese Ihren Rat überhaupt möchte …

Doch, doch, wir tauschen uns die ganze Zeit aus. Das Wichtigste ist, die wissenschaftliche Unabhängigkeit des ECDC aufrechtzuerhalten. Es hat uns sehr geholfen, dass nicht hinterfragt wird, ob wir irgendwelchen Einflüssen von der Industrie oder Ähnlichem unterliegen. Außerdem braucht es für den Job eine gewisse Hartnäckigkeit. Man muss manche Dinge immer und immer wieder versuchen, dann klappt es irgendwann.

Noch einmal zurück zu Ihrer Zeit nach dem ECDC. Was haben Sie sich vorgenommen – außer vielleicht Squash zu spielen?

Ich werde wieder von Schweden nach Bayern ziehen, in ein ländliches Gebiet, das ich noch nicht festgelegt habe, aber wo es wenig Lichtverschmutzung gibt. Und dann werde ich die Infektionskrankheiten hinter mir lassen und Astronomie studieren. Wahrscheinlich erst mal in Fernkursen, ich möchte nicht gleich wieder einen eng getakteten Tagesrhythmus haben, so wie jetzt. Aber vielleicht wird mir das in zwei Jahren zu langweilig und dann mache ich mehr für das Studium. Mich hat der Bereich schon immer fasziniert.

Wollen Sie auch ein Teleskop aufstellen?

Natürlich. Deswegen ziehe ich ja aufs Land.

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