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Medizin:"Viele Ärzte haben heute aufgrund der Digitalisierung der Medizin Scheu, Patienten zu berühren"

In Mannheim werden keine Körperspender benötigt. "Wir sehen uns nicht als Vorbild für andere Hochschulen", sagt der Studiendekan Thomas Wieland von der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Dort lernen die Studenten nach Körperfunktionen - Verdauung, Bewegungsapparat, Nervensystem. Das Präparieren einer ganzen Leiche passt schlecht in dieses Konzept; in jedem Semester müsste ein anderer Bereich des Toten geöffnet werden. Deshalb vermitteln die Mannheimer die Anatomie vor allem an Modellen, die aus dem Plastinarium des Gunther von Hagens stammen.

Der Mannheimer Neuroanatom Christian Schultz lässt durchblicken, dass er und seine Kollegen häufig angefeindet würden, weil sie die Lehre an der Leiche angeblich marginalisiert hätten. Doch er widerspricht: "Unsere Studierenden schneiden verglichen mit anderen Universitäten sehr gut ab. Sie erlernen die Anatomie genauso gründlich."

Die Studenten haben sich an die Plastinate gewöhnt. "Die sind hart, nicht glitschig. Sie riechen nicht, und man hat weniger Angst", sagt Philipp Lautenschläger, Medizinstudent aus Heidelberg, 22. In dem zweiwöchigen Kurs an echten Leichen habe er kaum Zusätzliches gelernt. Seine Studienkollegin Marie Hofmann hat die vierzehn Tage an der echten Leiche noch vor sich. Ihre Erwartungen sind groß: "Ich möchte einen Körper von innen sehen, bevor es im OP passiert", sagt sie. Sie findet es zwar gut, an den Plastinaten zu lernen, aber das haptische Erleben fehlt ihr. "Die Darmschlinge, die beweglichen Bauchorgane, das bleibt doch recht abstrakt. Bei den Modellen kann ich nichts rausnehmen."

Hofmann und Lautenschläger sind nicht unzufrieden mit der Anatomielehre ihrer Fakultät. Deutlich wird aber auch, dass sie sich kein abschließendes Urteil zutrauen. "Ich will mir nicht anmaßen zu sagen, was besser ist, weil ich den ausgedehnten Anatomiekurs nicht kenne", sagt Lautenschläger.

Als Alternative zur Lehre an den Toten gibt es außerdem Software für virtuelle Leichen und digitale Seziertische. Nahezu jede Universität arbeitet auch damit. Daran habe er nicht gut lernen und die dreidimensionalen Gewebe schlecht erkennen können, erinnert sich Lautenschläger. Am Computer kann man zwar in die Leber scrollen oder sich durch das Gehirn klicken, aber die Darstellungen bleiben zweidimensional, können nicht den Eindruck ersetzen, der sich nach dem Öffnen eines Leibes bietet.

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Herbert Lippert, Gegner des Präparierens von Leichen, ersann indes "die Anatomie am Lebenden" - in der Zeit der 68er-Bewegung. Die Studierenden ertasten Schulterblätter, Schlüsselbein und Aorta bei Kommilitonen. "Diesen Kurs finden sie oft schrecklich, weil sie sich ausziehen müssen und in Bikini und Badehose voreinander stehen", sagt Anatomin Heike Kielstein aus Halle. Sie lehrt dennoch auch diese Variante - aber zusätzlich zur Lehre an der Leiche: "Viele Ärzte haben heute aufgrund der Digitalisierung der Medizin Scheu, Patienten zu berühren und abzutasten. Diese sinnliche Information ist aber sehr wichtig", so Kielstein.

Eines wird deutlich: Die Alternativen zum traditionellen Anatomiekurs - das Lernen an Modellen, an virtuellen Leichen oder an Lebenden - unterscheiden sich vor allem im Erleben. Bleibt also die Frage, wie wichtig die Erfahrung an der Leiche für einen Arzt ist?

Schon vor zehn Jahren rangen Mediziner in den USA um den nostalgisch anmutenden Präparierkurs. Etliche Hochschulen stauchten ihn zusammen, und ausgerechnet die renommierte Harvard Medical School in Boston schaffte ihn kurzzeitig sogar ab. "Davon ist man wieder ganz abgekommen", sagt Anette Wu, Anatomin an der Columbia University in New York. "Die Lücken in der Erfahrung der Studierenden waren doch merklich."

Zum Beruf jedes Arztes gehört auch die Leichenschau, bei der er den toten Körper entkleiden, drehen und in Augenschein nehmen muss. Schon lange gibt es fundamentale Kritik an der Qualität, weil immer wieder offenkundig falsche Todesursachen in den Dokumenten auftauchen. Einer der wichtigsten Mängel: Die Ärzte fassen das Opfer erst gar nicht an. Sie haben Berührungsängste vor dem unangenehm riechenden Leichnam, außerdem wird die Untersuchung schlecht bezahlt. Kielstein sagt: "Im Anatomiekurs lernen die Studierenden den Umgang mit einer Leiche. Sie erfahren ganz anschaulich, was Krankheiten im Körper machen."

In einigen EU-Ländern sind Anatomiekurse unüblich. Die Medizinstudentin Klara Stock lernte während eines Praktikums an einem griechischen Krankenhaus viele angehende Ärzte kennen, die nie eine Leiche geöffnet hatten. Es geht also auch ohne, könnte man daraus schließen. Stock wendet jedoch ein: "Ich war erschrocken, dass die Mediziner dort oft selbst beklagten, dass sie gar nicht genau wüssten, wie dieses oder jenes Gewebe aussehe. Sie fühlten sich bei den OPs dadurch unsicherer als ich."

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