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Alzheimer:Aktivismus gegen die Angst

Intelligenz als Maß geistiger Leistungsfähigkeit gibt es eigentlich nicht, sagen kanadische Forscher. Zu diesem Schluss kommen sie aufgrund ihrer Online-Tests und von Hirn-Scans.

Obwohl bisher wenig gegen die Abnutzung des Gehirns ausgerichtet werden kann, gibt es viele Ansätze, um die Krankheiten frühzeitig zu erkennen.

(Foto: Reuters)

Neue Tests zeigen Risikofaktoren für degenerative Nervenleiden wie Alzheimer oder Parkinson an. Doch ausrichten lässt sich wenig gegen die Leiden. Ethiker fordern daher ein Recht auf Nicht-Wissen.

Testen Sie ihr Risiko für Alzheimer! Beginnen Sie den Kampf gegen Demenz früh genug! So schreit es einem von Werbezetteln und Broschüren entgegen, wenn man in eine radiologische Großkampfpraxis gerät. Eigentlich sollte nur der lädierte Rücken geröntgt werden, doch plötzlich sieht man sich mit der Frage konfrontiert, wie es mit den Abnutzungserscheinungen weiter oben aussieht und ob die nicht auch mal untersucht gehören.

"Das Problem ist die große Angst der Bevölkerung vor dem Altwerden und dem Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit", sagt Klaus Lieb, Chefarzt der Psychiatrie am Uniklinikum Mainz. "Keiner will schwach und gebrechlich werden und deshalb wissen wir gar nicht mehr, was normales Altern eigentlich ist." Das allgegenwärtige Schreckenswort lautet Demenz und obwohl es viele Formen kognitiver Einschränkungen gibt, wird es meist reduziert auf: Alzheimer. Dem Münchner Psychiater und Demenzexperten Hans Förstl zufolge ist es ja nur eine Frage der Zeit, bis es alle trifft. Würden die Menschen 100 Jahre oder älter, ließen sich bei jedem früher oder später Zeichen der Demenz erkennen. Ähnliche Ängste löst auch der Morbus Parkinson aus, eine weitere schwere degenerative Erkrankung des Nervensystems.

Obwohl bisher wenig gegen die Alterung und Abnutzung des Gehirns ausgerichtet werden kann, gibt es eine Flut diagnostischer Ansätze, um die gefürchteten Krankheiten frühzeitig zu erkennen. In den USA wurden die 1990er Jahre zur "Dekade des Gehirns" ausgerufen, Deutschland vergab - mit gehöriger Verspätung - den gleichen Titel für die Jahre 2000 bis 2010. Der finanzielle Anschub war enorm und eine Spätfolge davon ist, dass Forschungsgruppen und Start-up-Unternehmen fleißig Biomarker identifizieren und testen, körpereigene Substanzen in Hirn, Blut oder anderen Organen, und deren verstärktes Auftreten schon frühzeitig geistigen Verfall ankündigen könnte. Radiologen und Strahlenmediziner scannen das Gehirn auf pathologische Eiweißablagerungen oder andere Mangelerscheinungen ab. "Man kann in München ja keinen Parkinson haben, ohne gleich einen DaT-Scan zu bekommen", sagt ein hier ansässiger Neurologe. Bei dieser knapp 1000 Euro teuren Untersuchung werden nuklearmedizinisch die Nervenverbindungen im Gehirn dargestellt, die den Überträgerstoff Dopamin transportieren und die bei Parkinson in Mitleidenschaft gezogen sind.

Ärzte in der Rolle von Kassandra: Die Diagnose ist schlecht und am Ausgang nichts zu ändern

Doch was nützt dieses geballte Wissen, wenn daraus kaum therapeutischen Konsequenzen folgen können und sich auch durch eine Verhaltensänderung wenig am Verlauf der Krankheit ändern lässt? Demenz lässt sich nicht abschalten. Gegen Parkinson helfen zwar Medikamente, Stimulationsbehandlungen und Physiotherapie, doch damit verzögert sich der Verlauf, aufhalten lässt er sich nicht. "Im Moment ist es tatsächlich ein Dilemma. Es nutzt ja nichts, Patienten mit Wissen zu belasten, aus dem nichts folgt", sagt die Medizinethikerin Mariacarla Gadebusch Bondio von der TU München. "Aber die Hoffnung besteht, dass mit der weiteren Beschreibung von Biomarkern und dem fortschreitenden Wissen über Erkrankungen auch die Therapieoptionen besser werden."

Inwieweit diese Hoffnung Zweckoptimismus ist oder realistisch, diskutierten Ärzte und Ethiker in dieser Woche auf einem Symposium der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München. Die Fallstricke, die das zunehmende Wissen in der Medizin für Prädiktion und Prognose mit sich bringen, bezeichnet das Wortungetüm "antizipatorische Medikalisierung". So nennt Peter Conrad von der Brandeis Universität in Boston die zunehmende Orientierung der Heilkunde auf "Lebensumstände, bei denen es noch keine Beschwerden oder Symptome einer Erkrankung gibt, aber Potenziale für eine medizinische Diagnose - damit werden Gesunde zu potenziellen Kranken gemacht und die medizinische Überwachung des Lebens wird weiter ausgeweitet."

Die machtvolle medizinische Aufrüstung im Bereich der Tests und Diagnoseverfahren verschleiert, wie unscharf das Wissen über die gesundheitliche Zukunft noch ist. "Im Moment haben wir ja im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen weder eine Therapie, die an den Ursachen ansetzt noch eine Präventionsstrategie", sagt Stefan Lichtenthaler vom Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen. "Genauso wenig gibt es bisher die diagnostischen Werkzeuge, die uns erlauben, genau zu sagen, wer in einigen Jahren Alzheimer bekommen wird und wer nicht."

Als Reaktion auf diesen Missstand wird aber nicht innegehalten, sondern weiter geforscht und getestet und untersucht und deshalb spricht der Demenzforscher Harald Hampel von der Universität Paris auch ungerührt von den "sechs Biomarkern für Alzheimer, die genügend getestet und validiert für die Diagnostik" sind, drei davon bildgebende Verfahren, die anderen drei Labornachweise in der Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit. In allen Fällen geht es darum, pathologische Ablagerungen von Amyloid-Plaques, gestörte Signalübertragungen zwischen Nerven oder andere Anzeichen der Degeneration zu erkennen.

Der Medizinethiker Heiner Fangerau aus Ulm nennt es die "Pfadabhängigkeit der Institutionen", der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour hat es als "Referenzketten" bezeichnet: Forschungseinrichtungen werden gegründet, Stipendien und Fördermittel vergeben, neue Firmen entstehen und Tests kommen auf den Markt - in diesem Sog und mit vereinten Kräften muss doch zwangsläufig etwas herauskommen, müssen neue Daten generiert werden. Und wenn nicht jetzt, dann bald.

"Wir umarmen alle diese vielen neuen diagnostischen Fortschritte und Entwicklungen und hoffen, dass sich nebenbei auch mehr Möglichkeiten für die Behandlung ergeben", sagt Fangerau und redet von einer Art Kassandra-Dilemma der Medizin: Ähnlich wie die Mythenfigur sind Ärzte heute in der Lage, eine Menge negativer Vorhersagen machen, ohne an dem fatalen Ausgang etwas ändern zu können.