Alternativmedizin In Österreich sind Heilpraktiker verboten, in Deutschland dürfen sie erstaunlich viel

Fast jeder kann Heilpraktiker werden. Die Eintrittshürde für diesen Beruf ist sensationell niedrig; verlangt werden lediglich der Hauptschulabschluss und ein Führungszeugnis. Um die Zulassung als Heilpraktiker zu erlangen, genügt das Bestehen einer amtsärztlichen Überprüfung, die sich aus einem Multiple-Choice-Test und einer mündlichen Prüfung zusammensetzt. In der Überprüfung werden rein schulmedizinische Fakten abgefragt. Damit soll sichergestellt werden, dass der Heilpraktiker-Anwärter "keine Gefahr für die Volksgesundheit" darstellt, wie es im Heilpraktiker-Gesetz von 1939 heißt.

Die Prüfung hat den Ruf, durchaus verstrickte Fragen zu stellen. Und tatsächlich fallen regelmäßig bis zu 80 Prozent der Prüflinge durch. Wer es geschafft hat, beweist trotzdem nur, dass er gut lernen kann, nicht aber, dass er das Zeug zum Heilbehandler hat, da die praktischen Fähigkeiten nicht kontrolliert werden. Zudem entscheidet man ganz allein, wie man an das Prüfungswissen gelangt, ob per Selbststudium oder an einer Schule.

Die amtsärztliche Überprüfung gewährt immerhin schulmedizinische Grundkenntnisse. Wirklich dubios wird es, wenn es um die naturheilkundliche Qualifizierung geht. Diese wird von keiner staatlichen Stelle überprüft. Es gibt keine einheitliche Zertifizierungs-Regelung. Ganz im Gegenteil gibt es unüberschaubar viele vermeintliche Diplome und Zertifikate für Behandlungsansätze wie Auratherapie, Bioresonanztherapie, Craniosakral-therapie, Eigenblutbehandlung, Familienaufstellung, Geistheilung, Homöopathie, Irisdiagnostik, Reinkarnationstherapie, Magnetfeldtherapie, Zelltherapie und circa hundert weitere, kaum belegte naturheilkundliche Therapien.

Von einer fundierten medizinischen Ausbildung kann bei Heilpraktikern keine Rede sein. Während in Österreich Heilpraktiker verboten sind, dürfen sie in Deutschland ziemlich viel. Es ist ihnen gestattet, alles Mögliche mit Blut anzustellen, unter anderem Aderlass, Eigenbluttherapie, Blutegeltherapie. Sie dürfen Injektionen setzen. Sie dürfen mit allerlei Gasen wie Sauerstoff, Kohlenstoffdioxid und Ozon hantieren und sie in alle Körperöffnungen einführen ("vaginale und anale Insufflation") oder Blut damit anreichern. Heilpraktiker dürfen ferner offene Wunden, Knochenbrüche, Blinddarmentzündungen, Krebs und viele andere schwerwiegende Verletzungen und Krankheiten behandeln.

Heilpraktiker bieten mehr Zeit und Empathie, aber auch voraufklärerisches Denken

Der Haken: Heilpraktiker müssen nirgendwo nachweisen, dass sie diese Techniken auch beherrschen. Bislang gibt es keine gesetzliche Grundlage, die eine Ausbildung in Injektionstechniken und anderen invasiven Verfahren sicherstellen würde. Lediglich bei Infektionskrankheiten sind ihnen gesetzliche Grenzen gesetzt.

Der Dachverband Deutscher Heilpraktikerverbände e. V. nimmt keine Stellung zu Ausbildungsfragen und verweist an die Landesverbände. Arne Krüger, Landesvorsitzender für Berlin beim Fachverband Deutscher Heilpraktiker e. V., bedauert etwaige Missstände: "Ich appelliere stets an Ethos und Verantwortlichkeit, die unseren Beruf auszeichnen. Das Einhalten der Richtlinien, insbesondere der Hygiene-Vorschriften haben während der Ausbildung höchste Priorität." Frank Herfurth, Vorstand beim Verband Unabhängiger Heilpraktiker e. V., nimmt die Verbände aus der Pflicht: "Wir sind nicht verantwortlich für das, was an den Schulen geschieht."

Dass sich in naher Zukunft etwas an der zweifelhaften Ausbildungssituation ändern wird, ist nicht zu erwarten. Eine Petition aus dem Jahr 2012, die eine Verschärfung der Zulassungsvoraussetzungen für den Beruf des Heilpraktikers forderte, wurde zwar vom Bundesministerium für Gesundheit angenommen. Aber mehr als die Einsicht in die Notwendigkeit zu einer "intensiven, auch öffentlichen Diskussion", wie es aus dem Ministerium hieß, gibt es bislang nicht.

In der Tat hat diese Frage gesellschaftliche Relevanz. Viele Patienten fühlen sich von Ärzten nicht ernst genommen und abgefertigt. Heilpraktiker bieten einfach mehr Zeit und Empathie, aber auch jede Menge Irrationalismus und voraufklärerisches Denken.

Die Schriftstellerin Anousch Mueller, geboren 1979 in Erfurt, hat Neuere Deutsche Literatur und Jüdische Studien studiert. Im vergangenen Jahr nahm sie an dem Wettbewerb um den Bachmann-Preis teil.