Alternativmedizin "Wir müssen auf die Frauen zugehen"

Wenn so viele Schwangere nach alternativen Therapien fragen und dies die Frauen beruhigt, spricht das vielleicht für deren Einsatz. In Abstufungen wird diese Meinung - wohlgemerkt stets nur für einzelne Therapien - vertreten. Klaus Friese, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie der Hebammenschule der Universität München, sagt: "Wir müssen auf die Frauen zugehen. Ich bin Schulmediziner, aber die Akupunktur habe ich an unserem Klinikum mit eingeführt, und wenn die Hebammen das Risiko dabei im Auge haben, kann ich damit leben."

Naturheilkundler Beer übt hingegen Kritik daran, dass viele Therapien so häufig angewendet werden, für die es keine Wirksamkeitsbelege gebe. "Besonders der Einsatz von Akupunktur und Homöopathie erstaunt, weil Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit im Bereich der Gynäkologie und der Geburtshilfe fehlen." Zudem kritisiert Beer, dass Hebammen oft für viele der von ihnen angebotenen Verfahren nur schlecht ausgebildet seien.

Die meisten Hebammen hätten sich ihr Wissen über alternative Therapien privat angeeignet, berichten auch die Forscherinnen um Helen Hall in ihrer Übersichtsarbeit. Durch diese Mittel ließen sich medizinische Interventionen verhindern, schreibt Hall aber auch - eines der zentralen Argumente der Befürworter der Komplementärmedizin. Die sogenannte Schulmedizin betreibe mit Wehenschreibern, Ultraschall und anderen Geräten eine "Pathologisierung der Schwangerschaft", so der Vorwurf. Dem setzen Hebammen das Bild einer natürlichen, sanften und ganzheitlichen Alternativmedizin entgegen.

Kritiker sehen darin einen gravierenden Widerspruch. "Eine Pathologisierung der Geburt kann auch mit alternativen Arzneien stattfinden", sagt Beer. Durch Kügelchen, Kräuter, Nadelungen und andere Eingriffe werde suggeriert, dass etwas behandlungsbedürftig sei. So werden selbst in Universitätskliniken Wehwehchen, die keinen Krankheitswert haben, sondern einfach normale Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft sind, mit Kügelchen und Co. behandelt. "Häufig würde einfach ein bestärkendes Gespräch helfen", sagt Hebamme Regine Knobloch.

Die Beweise für die Wirksamkeit vieler in der Geburtshilfe und der Vor- und Nachsorge von Schwangeren angewendeten Verfahren sind mager. Der Naturheilkundler Beer untersuchte schon vor einigen Jahren das Homöopathikum Caulophyllum, eines der am häufigsten angewendeten Globuli in der Schwangerschaft.

Angeblich erleichtert es die Geburt, weil es den Muttermund auflockere und die Wehentätigkeit bei vorzeitigem Blasensprung anrege. Beer überprüfte diese Annahmen in einer doppelt verblindeten Studie, einer Untersuchung also mit hohem methodischen Wert. Die Globuli schnitten dabei nicht besser ab als ein Scheinmedikament, das zum Vergleich gegeben wurde. Immerhin schaden die wirkstofffreien homöopathischen Zuckerkügelchen nicht.

Im Falle von Himbeerblättern lässt sich das nicht so leicht behaupten: Die Wirksamkeit dieser Kräuter ist umstritten und die Sicherheit während einer Schwangerschaft nicht geklärt. Das gelte auch für Mönchspfeffer sowie Nachtkerzen- oder Rizinusöl, die während einer Schwangerschaft ebenfalls gerne empfohlen werden, berichtet Leala Watson von der Universität Exeter.