Altenpflege:Pragmatismus statt Sozialromantik

Ist der Hilfetausch also eine gescheiterte Idee? Joseph Martin, Leiter der Seniorengenossenschaft, sieht das pragmatisch. Die Jüngeren bessern durch die Tätigkeit in der Genossenschaft ihr Einkommen auf und können auf diese Weise mehr für die eigene Altersvorsorge zurücklegen. Die Alten können durch die vielen freiwilligen Helfer preisgünstigere Hilfe bekommen. "Auch so funktioniert das Modell".

Das Modell der Seniorengenossenschaft

Die Leistungen der Genossenschaft kann jeder Einwohner beanspruchen, unabhängig davon, ob er sich selbst engagiert hat oder nicht. Wer nie mit geholfen hat, zahlt für die Hilfe. Die Preise sind verhältnismäßig günstig, weil so viele freiwillige Helfer mitarbeiten. Sie erhalten eine Gutschrift auf einem Zeitkonto, die sie später für kostenlose Hilfe einlösen können. Oder eine sofortige finanzielle Entschädigung, die sie bei Bedarf für Unterstützung im Alter verwenden können.

Riedlingen funktioniert seit 25 Jahren. Es ist die älteste von den etwa 50 Seniorengenossenschaften Deutschlands. In den ersten drei Jahren gab es insgesamt 18 000 D-Mark vom Land Baden-Württemberg, seither hat die Genossenschaft ein kleines Imperium der Hilfe aufgebaut. 700 Freiwillige, einige Festangestellte, Auszubildende und Partner bieten Fahrdienste, Essen auf Rädern, Haushaltshilfe, Betreutes Wohnen, Betreuung in der Tagespflege und in einer Einrichtung für Demenzkranke an. Barrierefreie Wohnungen für Ältere sollen in Kürze entstehen. Und weil nur ausgebildete Personen Pflege im engen Sinn leisten dürfen, will die Genossenschaft künftig selbst ausbilden. Eine genossenschaftlich organisierte Schulungsstätte ist in Planung.

Das alles hat wenig mit Sozialromantik und unkonventioneller Ideenschmiede zu tun, sondern viel mit bundesrepublikanischem Klein-Klein. Satzungen, Normen, Vorschriften, Absurditäten des Steuersystems belasten jede Idee. Damit das Pflegeheim des Ortes Essen für die Seniorengenossenschaft bereitstellen durfte, musste es sich als lebensmittelverarbeitender Betrieb zertifizieren lassen. "Ein Aufwand ohne Ende", sagt Heimleiter Ludwig Geißinger. Doch die Mühe lohnte sich. Die Seniorengenossenschaft bekommt selbst zubereitetes Essen. Das Heim sichert durch den Vertrag mit der Genossenschaft Arbeitsplätze und den Anspruch, möglichst frisch und regional zu kochen. Davon profitieren wiederum Landwirte, Fleischer und Bäcker des Ortes, bei denen das Heim einkauft. "Man muss ja froh sein, wenn man noch Metzger im Ort hat", sagt Martin.

In der 10 000-Einwohner-Stadt gibt es vergleichsweise viele Geschäfte und Gaststätten. Die Einrichtungen der Altenhilfe liegen nah beim Zentrum. In der Mittagspause gehen einige Tagespflege-Gäste zum Wochenmarkt. Durchgefroren kommen sie zurück, an den Rollatoren hängen Beutel mit frischem Obst, das sie für jene Senioren mitgebracht haben, die nicht mehr allein einkaufen können.

Elisabeth Blaicher hält ihnen die Tür auf: "Man sieht hier, dass immer jemand hilft", sagt sie. Ein schönes Gefühl. Und doch ist es nicht so, dass der Umgang mit Pflegebedürftigkeit einen gefasster auf das eigene Alter blicken lässt. "Es macht eher Angst", sagt Maria Friedrich, während sich die demenzkranke Johanna unruhig aus ihrem Schlafsessel hochdrückt, weil sie dringend zur Kirche gehen will. Einige sanfte Berührungen beruhigen die alte Dame, ihre wimpernlosen Lider sinken herab. Das ist was am Ende zählt: Fürsorge, Dasein, Helfen, wenn Hilfe gebraucht wird.

Quid pro Quo ist nie das bestimmende Prinzip der Genossenschaft geworden. Die Schwestern Maria und Elisabeth machen vor allem deshalb mit, weil die "alten Menschen so dankbar sind." "Weil es eine rundum sinnvolle Tätigkeit ist." Sinnvoll ist ein Wort, das auch ihr Chef Martin häufig verwendet. Warum engagiert er sich seit so vielen Jahren Tag für Tag für die Seniorengenossenschaft? Martin zuckt er nüchtern mit den Achseln: "Die Anforderungen sind da, wir müssen reagieren."

Weitere Beispiele für herausragende Projekte der Altenpflege lesen Sie im Buch Zwei der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung.

© SZ.de/beu/dd/leja
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