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Altenbetreuung:Übergriffe im Pflegeheim

Altenpflegeheim

Systematische Vernachlässigung ist eine Form von Gewalt, die in Pflegeheimen vorkommt.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Gewalt, Vernachlässigung, Entzug der Freiheit: Eine Befragung zeigt eklatante Mängel bei der Betreuung alter Menschen auf.

Ob sich die Pflegerin nur im Ton vergreift oder den Bewohner schon etwas ruppiger anfasst als nötig: In vielen deutschen Pflegeheimen müssen die Bewohner Übergriffe des oft überforderten Personals erdulden. Wie drängend das Problem ist, zeigt eine neue Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP).

Sie soll am Donnerstag anlässlich des Welttags gegen die Misshandlung älterer Menschen vorgestellt werden und liegt der Süddeutschen Zeitung bereits vor. Dazu wurden 250 Pflegedienstleiter und Qualitätsbeauftragte in deutschen Pflegeheimen nach ihren Erfahrungen befragt. Fast zehn Prozent gaben an, dass es "oft" oder "gelegentlich" zu körperlicher Gewalt gegen Senioren komme, weitere knapp 40 Prozent wollen dies "selten" beobachtet haben.

Ebenfalls knapp zehn Prozent berichteten von freiheitsentziehenden Maßnahmen: Pflegebedürftige würden demnach oft oder gelegentlich gegen ihren Willen fixiert. Noch mehr Pflege-Manager, fast jeder fünfte, berichteten davon, dass Alte und Kranke vernachlässigt würden - auch das kann, wenn es systematisch geschieht, eine Form von Gewalt sein. Und mehr als jeder vierte Befragte gab an, dass verbale Übergriffe im Heim vorkämen.

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Ralf Suhr, der Chef des ZQP, sieht in Angeboten zur Gewaltprävention eine mögliche Lösung des Problems. Das Thema Gewalt müsse ein "zentraler Punkt der pflegepolitischen Agenda nach der Bundestagswahl sein", sagte Suhr. Auch bei der bevorstehenden Reform der Pflege-Noten, mit denen ursprünglich die Qualität einer Einrichtung gemessen werden sollte, müsse Gewalt stärker berücksichtigt werden. Der Pflege-TÜV wird gerade von Experten überarbeitet, da sich seine Aussagekraft als unzureichend herausgestellt hatte. Unter anderem musste ein Heim, das die Bestnote erhalten hatte, wegen eklatanter Mängel von den Behörden geschlossen werden.

Das ZQP, das den privaten Krankenkassen nahesteht, fragte die Pflege-Manager auch danach, ob es in den Einrichtungen Programme zur Gewaltprävention gibt. Fast die Hälfte (46 Prozent) der Befragten gab an, dass es in ihren Heimen kein Personal gebe, das speziell zur Vorbeugung von Gewalt und für den Umgang mit Aggressionen geschult worden sei. Mehr als jeder Vierte sagte, dass Gewalt-Vorkommnisse nicht einmal in einem eigenen Berichts-System vermerkt werden könnten. In jeder fünften Einrichtung sei das Thema nicht einmal Bestandteil des internen Qualitätsmanagements.

Eine ausgeprägte Fehlerkultur kann nach Überzeugung von fast drei Vierteln der Befragten helfen, Übergriffe des Personals gegen Senioren zu vermeiden. Mehr Pflegepersonal wäre für die Hälfte der Berufstätigen eine Lösung. Je 44 Prozent sprachen sich dafür aus, Pfleger beim Thema Gewalt besser auszubilden und ihnen im Job Unterstützungsprogramme anzubieten.

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sprach sich am Dienstag in München dafür aus, entsprechende Hilfsangebote auszubauen - nicht nur in Pflegeheimen. "Das Problem der Gewalt in der Pflege ist nicht auf Heime beschränkt. Vielmehr ist auch die familiäre Pflege betroffen", betonte Huml.

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