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Akustisches Phänomen:Betroffene klagen über Schlafmangel, Herzrasen, Schweißausbrüche

Vermutungen hingegen gibt es viele. Auch an diesem Sonntag bei einer Art Brummton-Selbsthilfetreffen in Freiburg. Zwei Paare aus dem Städtchen Schopfheim sind gekommen, ein Paar aus Vörstetten, ein Leidender aus Freiburg, der eigentlich ein Hamburger ist, ein Mann aus Burkheim. Und Brigitte Rieber. Nun sitzen sie in einem grauen Raum und lauschen den Berichten der anderen.

Eine der beiden Frauen aus Schopfheim erzählt, bei ihr habe das Brummen um Weihnachten 2013 begonnen. Am Anfang dachten sie und ihr Ehemann, vielleicht sei die Aquariumpumpe der Nachbarin kaputt. Doch mittlerweile sei das Geräusch immer und überall da, egal ob zu Hause, im Auto oder im Wald. "Es hört sich an wie eine Waschmaschine, die abpumpt." Zustimmendes Nicken aus der Gruppe. Der gebürtige Hamburger und Wahlfreiburger erwidert in Hamburger Schnack: "Ich nehme das Geräusch nur über die rechte Kopfhälfte wahr, es fühlt sich an wie ein schwingender Dieselmotor." Der ältere Herr aus Schopfheim wirft ein: "Meine Frau und ich hören es nicht - wir spüren es nur."

Je länger das Treffen andauert, desto wilder werden die Spekulationen: Schnurlose Telefone und Transformatoren, zu schnell gepresstes Gas, Photovoltaik-Anlagen, Mobiltelefone, Windkraftanlagen und Funktürme. Irgendwann reden alle durcheinander, die Emotionen kochen hoch, Brigitte Rieber vermutet gar eine Verschwörung, "Fernlenkung im großen Stil!", sagt sie mit wütendem Blick und presst den Mund zusammen. Schließlich ruft der Hamburger zur Besonnenheit auf: "Wir müssen nüchtern bleiben! Und ein bisschen runterkommen hier!"

Die Nerven sind bei allen Anwesenden gespannt; es ist der Schlafmangel. Andere Symptome sind Herzrasen, Angstzustände, Schweißausbrüche. "Das Schlimmste ist wirklich, dass wir nicht wissen, woher dieses Geräusch kommt", sagt Rieber.

Es steht noch nicht einmal fest, ob es sich bei dem Brummton wirklich um einen Ton handelt. Also um ein durch Schallwellen ausgelöstes, akustisches Signal, das in jenem Hörbereich liegt, den nur wenige Menschen mit einem sehr sensiblen Gehör wahrnehmen können. Andere Theorien gehen davon aus, dass elektromagnetische Wellen das Phänomen verursachen. "Ich glaube, das Brummen ist kein klassischer Ton, sondern wird durch elektromagnetische Radiowellen im niederfrequenten Bereich zwischen drei und 30 Kilohertz ausgelöst, auf die der menschliche Körper reagiert", sagt etwa Glen MacPherson.

Der Lehrer für Mathematik, Physik und Biologie aus Vancouver nimmt das Brummen seit etwa zwei Jahren wahr. In einer Online-Datenbank hat er Informationen aus aller Welt zusammengetragen und eine globale Karte erstellt, die mehr als 4000 Orte darstellt, an denen Menschen das Brummen schon wahrgenommen haben. Auffällig viele rote Punkte tummeln sich an der Ostküste der USA, in England, Schottland und Irland.

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