HIV "Die Menschen wollen eine Heilung"

In Nature Medicine formulieren die Forscher weitere Fragen: Wie kommt man an das Versteck des Erregers heran? Im Blut lässt sich die Virenlast relativ einfach bestimmen. Doch ein Großteil verbirgt sich vermutlich in Lymphknotengewebe, das medikamentös schwer erreichbar ist. Erneuert sich das Virus aus diesem Gewebe heraus? Wie verändert sich das Virus bei Personen, die seit Langem antiretrovirale Medikamente erhalten? Manches deutet darauf hin, dass die Aktivität des Virus mit der Zeit leicht sinkt. Könnten Patienten von neuartigen Gentherapien profitieren? In der biologischen Grundlagenforschung erzielt man derzeit außerordentliche Erfolge mit der sogenannten Crispr/Cas9-Technik, mit der sich das Erbgut einzelner Zellen wie mit einer Schere sehr gezielt manipulieren lässt. Könnte man damit die Erbinformation des Virus bis zur Funktionslosigkeit zerschneiden?

Unklar ist außerdem, wie viele "Post-Treatment-Controller" es überhaupt gibt. Französische Forscher vermuteten kürzlich, dass bis zu 15 Prozent der HIV-Patienten auf antiretrovirale Medikamente theoretisch verzichten könnten. Andere halten eher einen Wert um fünf Prozent für realistisch.

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"Die bisher bekannten Post-Treatment-Controller sind sehr wichtig für die Forschung, aber es ist schwierig, anhand einer so kleinen Gruppe verlässliche Schlüsse zu ziehen", sagt Lewin. Um zu untersuchen, wovon der Erfolg abhängt, käme man wohl um größer angelegte Studien nicht herum.

Hans Jäger, HIV-Spezialist aus München, leitet eine bundesweite Studie mit HIV-Patienten. Sieben Jahre wurden deren 38 Probanden sehr intensiv behandelt, jetzt geht ein Drittel der Patienten "in die Pause", wie Jäger sagt. Ihr Immunsystem wird also auf sich allein gestellt sein. Die Risiken hält er für beherrschbar. "Die Patienten haben sehr gute Helferzellen", sagt Jäger, "wir kontrollieren alle vier Wochen ihren Zustand". Ein Befund der "New Era"-Studie ist, dass wohl sogenannte provirale DNA einen Hinweis darauf geben könnte, ob jemand reif dafür ist, auf die Medikamente zu verzichten. Mit diesem Laborwert "lässt sich sehr viel genauer sagen, ob Virusmaterial da ist", sagt Jäger.

Und was ist mit den ethischen Bedenken, die rettenden Medikamente bei HIV-Infizierten absetzen? Lohnt es sich wirklich, dieses Risiko einzugehen? "Die Menschen wollen eine Heilung", sagt Lewin. "Sie wollen nicht ihr Lebtag Pillen nehmen, alle sechs Monate einen Arzt aufsuchen müssen und sich ständig sorgen, andere anzustecken."

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