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Aids:Die Pandemie, die nie beendet wurde

HIV: Gedenken zum Welt-Aids-Tag

Die Ziele zur Eindämmung des HI-Virus wurden weltweit bislang nicht erreicht.

(Foto: Skanda Gautam/dpa)

Seit fast 40 Jahren hat das HI-Virus die Welt im Griff. Nun befürchten Experten Rückschläge: Wichtige Etappen-Ziele wurden verfehlt, und Corona erschwert den Kampf zusätzlich - auch in Deutschland.

Von Berit Uhlmann

Es war nicht so, dass es in den vergangenen Monaten keine guten Nachrichten gegeben hätte, für all jene, die das HI-Virus eindämmen wollen. So zeigte das lang wirkende Medikament Cabotegravir, dass es - alle zwei Monate gespritzt - eine HIV-Infektion wirksamer verhindert als die ohnehin schon recht effektiven täglichen Tabletten. Frauen schützt die Depotspritze 90 Prozent besser als die Pillen, ergab eine klinische Studie vor Kurzem. Die neue Behandlungsoption muss noch zugelassen werden und - so sagt es Unaids-Direktorin Winnie Byanyima - möglichst schnell breit zugänglich werden. Und spätestens an dem Punkt wird klar, wie fragil der Erfolg ist.

Die Versorgung der Menschen mit Mitteln gegen die Immunschwächekrankheit ist an vielen Stellen der Welt massiv ins Stocken geraten, seit sich die Corona-Pandemie lähmend auf die nie beendete Aids-Pandemie gelegt hat, an der noch immer 38 Millionen Menschen weltweit leiden.

Dabei war schon die Ausgangslage besorgniserregend. Bereits 2019 wurden die von der Weltgemeinschaft gesteckten Ziele deutlich verfehlt, wie aus dem jüngsten Unaids-Bericht hervorgeht. Die seit Jahren propagierten 90-90-90-Zielwerte wurden nicht erreicht. Sie sahen vor, dass bis 2020 mindestens 90 Prozent aller HIV-Infizierten diagnostiziert sein sollten. 90 Prozent von ihnen sollten eine medikamentöse Therapie erhalten, die wiederum bei 90 Prozent der Behandelten so gut wirkt, dass sie die Infektion nicht mehr weitergeben können. Tatsächlich aber lautet die weltweite Bilanz: 81-82-88.

Die Folge: 1,7 Millionen Menschen infizierten sich im vergangenen Jahr neu mit HIV; das sind dreimal mehr, als es den internationalen Plänen zufolge hätten sein dürfen. Fast 700 000 Menschen starben im vergangenen Jahr an Aids, auch dies sind deutlich mehr als in den Etappenzielen festgehalten.

2020 dürfte sich der Abstand zu den Zielwerten noch vergrößert haben. Noch gibt es keine Auswertungen zur Auswirkung der Corona-Pandemie auf die HIV-Entwicklung. Winnie Byanyima aber zitiert aus einer Modellierung, wonach Covid-19 allein in diesem Jahr zu knapp 300 000 zusätzlichen HIV-Infektionen führen könnte. 150 000 weitere Todesfälle könnten daraus resultieren.

Die Angst vor Corona hält Menschen von medizinischen Einrichtungen fern

Die Gründe sind vielfältig. Lockdowns verhindern, dass die Menschen bewährte Mittel zur HIV-Kontrolle - vor allem Tests, Beratung, Medikamente und Drogenhilfe - erhalten. Angst vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 hält Menschen zusätzlich von medizinischen Einrichtungen fern. Und nun, da die Situation angespannt ist, zeigt Aids einmal mehr seine sozialen Nebenwirkungen. Menschen richten beispielsweise erneut den Finger auf Sexarbeiter und werfen ihnen vor, auch an der Verbreitung von Sars-CoV-2 schuld zu sein, berichtet die Unaids-Direktorin. Diese Menschen werden wieder an den Rand der Gesellschaft gerückt, was oft dazu führt, dass sie seltener in HIV-Test- und Behandlungszentren kommen.

Aids hatte wie wenige andere Krankheiten die hässlichen Seiten in den Gemeinschaften zum Vorschein gebracht, erinnert Peter Sands, Direktor des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria: Stigmatisierungen, Marginalisierungen, Ungerechtigkeiten, den Ausschluss bestimmter Gruppen vom Fortschritt. Als in den reichen Ländern die Todeszahlen sanken, verschwand das Thema weitgehend von deren Radar. Dass die Lage in anderen Regionen, in bestimmten Bevölkerungsgruppen des eigenen Staates noch immer dramatisch war, wurde nicht mehr als drängendes Problem gesehen. "Eine enttäuschende Erfahrung", so Sands.

Damit ist wohl auch zu erklären, warum in Deutschland ebenfalls der große Erfolg ausgeblieben ist. Auch die Bundesrepublik hat die 90-90-90-Ziele verfehlt. Zwar erhalten mehr als 96 Prozent der Menschen mit HIV-Diagnose eine mehr als 90-prozentig wirksame Behandlung. Aber es werden noch immer nicht genug Infizierte erkannt. Nur 88 Prozent aller HIV-positiven Menschen wissen von ihrer Infektion, schätzt das Robert-Koch-Institut auf Basis von Modellierungen. Damit dürften knapp 11 000 HIV-positive Menschen unerkannt in Deutschland leben. Sie können den Erreger unwissentlich weitergeben. Insgesamt ist die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland im vergangenen Jahr leicht gestiegen. 2600 Menschen steckten sich mit dem Erreger an - hundert mehr als 2018. Fast 100 000 Menschen leben in Deutschland mit dem Virus.

In deutschen Gesundheitsämtern fehlen Kapazitäten für HIV-Tests

Und auch für Deutschland ist zu befürchten, dass die Corona-Pandemie Spuren beim Einsatz gegen die Immunschwäche-Krankheit hinterlassen wird. Während die Gesundheitsämter am Rande ihrer Kräfte versuchen, die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen, fehlen die Kapazitäten für Tests auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten, mahnt die Deutsche Aidshilfe. Somit seien die anonymen Testangebote vielerorts stark eingeschränkt. "Um Aids-Erkrankungen und HIV-Neuinfektionen weiter zu reduzieren, dürfen keine Testangebote wegfallen, sie müssen vielmehr weiter ausgebaut werden", betont Vorstand Sven Warminsky. Zugleich fordert die Organisation, die "chronisch unterfinanzierte kommunale Drogenhilfe" zu stärken. Denn unter Menschen, die sich Drogen injizieren, steigen HIV-Infektionen seit Jahren an. Doch ein massiver Ausbau in diesem Bereich ist mitten in der Corona-Pandemie eher nicht zu erhoffen.

© SZ/cku
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