Infektionskrankheiten:WHO stuft Affenpocken nicht als Notfall ein - vorerst

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Infektionskrankheiten: Teströhrchen mit Patientenproben. Die Affenpocken breiten sich aktuell rasant aus.

Teströhrchen mit Patientenproben. Die Affenpocken breiten sich aktuell rasant aus.

(Foto: DADO RUVIC/REUTERS)

Bei Corona hat die Weltgesundheitsorganisation die höchste Warnstufe ausgerufen, bei den Affenpocken verzichtet sie bislang darauf. Der WHO-Chef zeigt sich dennoch besorgt und will die Entwicklung genau beobachten.

Von Berit Uhlmann

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzichtet zunächst darauf, die höchste Warnstufe wegen des gegenwärtigen Ausbruchs von Affenpocken auszurufen. Der Ausbruch wird von der WHO damit vorerst nicht als Notlage von internationaler Tragweite bewertet.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte jedoch am Samstag, dass er wegen der Affenpocken zutiefst besorgt sei. Es entwickele sich eine gesundheitliche Bedrohung. Um den Ausbruch einzudämmen, müssten Maßnahmen wie Überwachung, Risiko-Kommunikation, Kontaktverfolgung, Isolation, Behandlung und Impfungen verstärkt werden, sagte er.

Die WHO folgte der Empfehlung des Notfallausschusses, der zwar den "Notfall-Charakter der Situation" feststellte, aber dennoch die Kriterien für eine internationale Gesundheitsnotlage - auf Englisch "public health emergency of international concern" (PHEIC) - nicht erfüllt sah. Die internationale Gesundheitsnotlage ist die höchste Warnstufe der UN-Organisation, die derzeit nur für die Corona-Pandemie und Polio gilt. Der Notfallausschuss und Tedros saßen tagelang zusammen, bevor die Entscheidung verkündet wurde. Die unabhängigen Fachleute aus aller Welt wiesen darauf hin, dass Fallzahlen in manchen Ländern ein Plateau erreicht hätten oder möglicherweise fielen.

Die ursprünglich nur in Teilen Afrikas verbreiteten Affenpocken dehnen sich seit Anfang Mai auf immer mehr Länder aus. Nach den Zahlen der WHO sind mittlerweile mehr als 3200 bestätigte Infektionen und ein Todesfall in fast 50 Staaten erfasst worden. Zusätzlich wurden seit Jahresanfang fast 1500 Verdachtsfälle und etwa 70 Todesfälle aus Zentralafrika berichtet. Die dort zirkulierenden Virenstämme lösen schwerere Erkrankungen aus als jene, die man in Westafrika und nun auch in Ländern außerhalb des Kontinents beobachtet.

Mutationsrate "überraschend hoch"

Derweil zeigten portugiesische Forscher, dass sich das Virus auf ungewöhnlich schnelle Weise verändert. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Joana Isidro hatten insgesamt 15 Genomsequenzen analysiert, die überwiegend aus ihrem Land stammten. Sie stellten fest, dass die Viren sich wahrscheinlich aus Erregern entwickelten, die 2018 und 2019 in Nigeria zirkulierten. Allerdings wiesen die jüngeren Virus-Exemplare etwa 50 Unterschiede im Erbgut auf, schreibt das Team im Fachblatt Nature Medicine.

Dies seien etwa sechs bis zwölf Mal mehr Veränderungen, als man in diesem Zeitraum erwarten würde. Die hohe Mutationsrate sei möglicherweise ein Zeichen für eine beschleunigte Evolution des Virus und seine Anpassung an den Menschen, befinden die Forscher. Inwieweit diese Veränderungen die Übertragbarkeit oder die krank machenden Eigenschaften des Virus beeinflussen, ist noch nicht klar.

Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel bezeichnet die Mutationsrate als "überraschend hoch", geht aber davon aus, dass die meisten Veränderungen vermutlich keine dramatischen Auswirkungen hätten. Hugh Adler von der Liverpool School of Tropical Medicine sagt, dass bisher keine Veränderungen der Krankheitsschwere festgestellt wurden.

Die Genomanalysen und epidemiologische Daten deuten zugleich darauf hin, dass die Fälle des aktuellen Ausbruchs wahrscheinlich einen gemeinsamen Ursprung haben. Durch Reisen und Superspreader-Events seien die Viren dann weiterverbreitet worden. Die Details sind allerdings noch offen. Obwohl der erste Affenpocken-Fall des aktuellen Ausbruchs in Großbritannien bekannt wurde, war der Betroffene wohl nicht der erste Erkrankte. Er war Anfang Mai aus Nigeria nach Großbritannien gekommen. Später zeigte sich jedoch, dass es sowohl in Großbritannien als auch in Portugal bereits Ende April erste Patienten an den Affenpocken erkrankt waren, schreiben die Autoren.

Mit Material von Reuters, dpa

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