Infektionskrankheiten:Affenpocken-Infektionen in zwölf Ländern

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Infektionskrankheiten: Am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr wurde der erste Affenpockenfall Deutschlands bestätigt.

Am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr wurde der erste Affenpockenfall Deutschlands bestätigt.

(Foto: Christine Uyanik/Reuters)

Die seltene Erkrankung hat sich binnen Tagen deutlich ausgedehnt. Nun wird über die Impfung von Kontaktpersonen diskutiert - eine schwierige Abwägung, denn auch dieses Vakzin ist knapp.

Von Berit Uhlmann

Über eines sind sich Experten angesichts dieser ungewöhnlichen Ausbruchsserie zumindest sicher: Die Affenpocken sind nicht mit Covid-19 zu vergleichen, eine Pandemie mit Millionen Erkrankten ist nicht zu erwarten. Dazu verbreitet sich das Virus nicht schnell und effektiv genug. Doch verglichen mit dem, was man in den vergangenen Jahrzehnten beobachtete, ist die aktuelle Entwicklung sehr ungewöhnlich. Seit 1970 wurden die Affenpocken in insgesamt zwölf Ländern West- und Zentralafrikas registriert. Nun kamen plötzlich im Laufe von nur einigen Tagen Fälle in ebenso vielen weiteren Staaten hinzu. 92 bestätigte Infektionen aus zwölf Ländern wurden der Weltgesundheitsorganisation WHO zwischen 13. und 22. Mai gemeldet. Zu den betroffenen Staaten gehören Großbritannien, Spanien, Portugal, Italien, die USA, Kanada und Deutschland.

Aktuell sind in Deutschland drei Fälle bekannt, ein Patient wird in München, zwei weitere werden in Berlin behandelt. Der Zustand aller drei Erkrankten wurde als stabil beschrieben. Über den Münchner Patienten berichtete der behandelnde Arzt Clemens Wendtner von der München Klinik in Schwabing: "Dem Patienten geht es nach wie vor gut, er hat relativ wenig Symptome." Der 26-Jährige habe Hautläsionen an mehreren Stellen, fiebere aber nicht und leide nicht an Atemnot. Der junge Mann sei in einem Einzelzimmer mit vorgeschalteter Schleuse untergebracht. "Im Patientenzimmer herrscht Unterdruck, sodass keine Luft unkontrolliert nach außen entweichen kann. Die Abluft wird zusätzlich über eine virusdichte Filteranlage aufgereinigt", sagt Wendtner, der die Infektiologie der Schwabinger Klinik leitet.

Bislang forderten die Infektionen keine Todesopfer. Bei dem bisher identifizierten Virenstamm wird die Sterberate auf etwa ein Prozent geschätzt. "Man muss aber bedenken, dass diese Daten aus Afrika nicht zwingend übertragbar auf das Gesundheitswesen in Europa oder den USA sind, bei uns wäre die Sterblichkeit eher niedriger anzusetzen", schränkt Wendtner ein. Die meisten Erkrankten können auf einen milden Verlauf hoffen, die Symptome ebben nach etwa zwei bis drei Wochen von allein wieder ab. Wie zuvor schon andere Experten sagte auch Wendtner: "Das ist eine Erkrankung, die meines Erachtens nicht das Potenzial hat, die Bevölkerung massiv zu gefährden".

Wie die Eindämmung gelingen könnte

Zumindest theoretisch dürften sich die Affenpocken auch leichter eindämmen lassen als Covid-19. Adam Kucharski, Infektionsepidemiologe der London School of Hygiene & Tropical Medicine, wies auf Twitter darauf hin, dass gerade bei den Affenpocken die Isolierung und Kontaktnachverfolgung sehr wirksam sein könnten. Das Virus werde meist erst nach Beginn der Symptome übertragen. Zudem ist die Zeit zwischen Ansteckung und Symptombeginn mit sieben bis 21 Tagen vergleichsweise lang. Dies eröffnet ein Zeitfenster für die Ermittlung von Kontaktpersonen - und auch für deren Impfungen.

In Europa ist seit 2013 ein Impfstoff namens Imvanex zugelassen, der gegen die bereits ausgerotteten menschlichen Pocken entwickelt wurde, aber auch gegen die Affenpocken wirksam ist. Nach Angaben der US-Seuchenschutzbehörde CDC kann er selbst nach einer Infektion noch verabreicht werden. Wird er innerhalb von vier Tagen nach der Ansteckung gespritzt, könne er den Ausbruch von Symptomen verhindern.

Derzeit wird diskutiert, ob und gegebenenfalls wie man dieses Vakzin einsetzen sollte. Die WHO berät aktuell noch mit Experten über eine mögliche Impfempfehlung. Wendtner nennt die Impfung von Kontaktpersonen "durchaus sinnvoll, um hier eine schnelle Eindämmung des Infektionsgeschehens zu bekommen. Dies sollte als freiwilliges Impfangebot in der derzeitig noch frühen Infektionswelle zeitnah diskutiert und konsentiert werden". Das Impfangebot könnte für Risikogruppen mit Immunsuppression ausgesprochen werden, beispielweise HIV-Patienten ohne ausreichende medikamentöse Krankheitskontrolle, aber auch für Tumorpatienten, schlägt der Wissenschaftler vor. Großbritannien bietet Kontakten von Infizierten bereits die Impfung an.

Allerdings warnte die WHO zwischenzeitlich, dass die weltweiten Impfstoffbestände begrenzt sind. Auch Deutschland hat sich nach Angaben Wendtners in den vergangenen Jahren keine wesentlichen Kontingente dieses Impfstoffs gesichert, obwohl er vor den Toren Münchens, bei Bavarian Nordic in Martinsried, entwickelt wurde und produziert wird. Stattdessen habe die Bundesrepublik auf den alten Pockenimpfstoff der ersten und zweiten Generation gesetzt, der sehr viel schlechter verträglich sei und sich von daher kaum zur selektiven Impfung gefährdeter Personengruppen mit Affenpocken eigne.

Auch wenn das Interesse an den Impfstoffen in den aktuell betroffenen Staaten groß sein dürfte, mahnt Piero Olliaro, Infektionsspezialist der University of Oxford: "Wir müssen auch sicherstellen, dass diese Produkte für die endemischen Länder verfügbar und erschwinglich sind und nicht für den Einsatz in Ländern mit hohem Einkommen gehortet werden."

70 Prozent der Weltbevölkerung könnten keinen Impfschutz gegen das Leiden haben

Über die möglichen Gründe der aktuellen Infektionen gibt es noch keine Klarheit. Eine Ursache könnte die nachlassende Immunität in der Bevölkerung sein. Bis 1980 wurde ein Großteil der Menschen gegen die menschliche Form der Pocken geimpft. Die Immunisierung, erkennbar an der runden Narbe am Oberarm, war nach Angaben der WHO zu etwa 85 Prozent wirksam gegen die Affenpocken. Doch seit der Ausrottung der klassischen Pocken fehlt immer mehr Menschen dieser Schutz. Mittlerweile dürften etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung keinen Immunschutz mehr gegen die Affenpocken haben, schätzten Forscher 2020 im Fachblatt Vaccine.

Möglich ist auch, dass sich das Virus verändert hat. Um dies zuverlässig einschätzen zu können, fehlen allerdings noch Daten. Dass viele Menschen nach den Einschränkungen der Pandemie wieder mehr reisen und feiern, könnte ebenfalls zu der Entwicklung beigetragen haben.

Ein rasches Ende der Ausbruchswelle ist derweil noch nicht in Sicht. Die WHO nennt es sehr wahrscheinlich, dass in den kommenden Tagen weitere Fälle auch in anderen Ländern und anderen Bevölkerungsgruppen auftreten werden.

Sie bestätigte zugleich, dass die Erkrankungen überwiegend - aber nicht ausschließlich - unter homo- und bisexuellen Männern beobachtet worden. In Spanien wird nach Medienberichten untersucht, ob ein vor allem von homosexuellen Männern besuchtes Festival auf der Urlauberinsel Gran Canaria eine Rolle bei der Ausbreitung der Erkrankungen gespielt haben könnte. An dem "Maspalomas Pride" genannten Event nahmen vom 5. bis zum 15. Mai etwa 80 000 Besucher teil. Noch aber handelt es sich lediglich um einen Verdacht.

Jeremy Farrar, Infektionsspezialist und Direktor des britischen Wellcome Trust, mahnte, dass es immens wichtig sei, das Vertrauen der betroffenen Gruppen zu sichern. "Wir dürfen diese Erkrankungen nicht wie in früheren Fällen mit einem Stigma verbinden. Dies würde neben dem Leid der Betroffenen auch dazu führen, dass Infektionen verborgen bleiben", sagte Farrar der SZ: "Damit riskieren wir einen sehr viel größeren Ausbruch, als wir bisher haben." Er betonte ebenfalls: "Die Affenpocken sind nicht Covid-19."

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