Javid Abdelmoneim ist seit vergangenem Jahr internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen. Während des Videogesprächs befindet er sich im Hauptsitz der Organisation in Genf. Für die Tage danach stehen Reisen in die Büros nach Paris und Rom sowie nach Tschad an. Er habe sich immer als Weltbürger gesehen, sagt er. Er lebte bis zu seinem achten Lebensjahr im Sudan und wuchs in einem iranischen Haushalt auf. Anschließend zog er nach Großbritannien, wo er später Medizin studierte und während des Studiums in Kontakt mit Ärzte ohne Grenzen kam.
SZ: Sie waren 16 Jahre lang als Mediziner für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Jetzt haben Sie eher einen Bürojob. Fehlt Ihnen etwas?
Javid Abdelmoneim: Ich war während der Einsätze eigentlich immer im Notfallteam tätig, meist in sehr, sehr instabilen Situationen. Man reagiert, man legt Abläufe fest, man schafft etwas. Man ist voller Adrenalin, und man hat das Gefühl, heute und hier etwas Großes zu bewirken. Meine jetzige Arbeit hat eine ganz andere Dynamik, ist naturgemäß distanzierter und verläuft langsamer. Aber mir liegen beide Rollen.
Bei aller Faszination für den Job in Krisengebieten haben Sie doch sicher auch viele belastende Dinge erlebt. Sie waren in sieben verschiedenen Kriegen im Einsatz. Wie kommt man damit klar?
Durch Erfahrung und Reife kommt man an einen Punkt, wo man besser zurechtkommt. Das heißt nicht, dass einen die Geschehnisse nicht mehr berühren. Meine Einsätze in Gaza und im Sudan in den vergangenen Jahren gehen mir noch immer nahe. Aber heute erlaube ich mir die Freiheit, mich auch niedergeschlagen zu fühlen, wie ich es früher, als ich jünger war, nicht konnte.
Und es gibt auch immer Momente der Ruhe. Auch wenn die Situation erdrückend ist, gibt es einzelne, besondere Augenblicke mit Patienten oder Kollegen. Man sammelt sie und versucht, sich daran festzuhalten, um nicht überwältigt zu werden. Und natürlich bekommen wir bei Ärzte ohne Grenzen psychologische Hilfe. Also, all das zusammen hat geholfen, dass ich zunehmend besser zurechtkam.
Javid Abdelmoneim ist ein britischer Mediziner. Im vergangenen Jahr wurde er internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen, nachdem er viele Jahre für die Organisation im Einsatz gewesen war. Über seine Arbeit in den Krisenorten dieser Welt hat er mehrere Dokumentationen gedreht.
Lassen Sie uns in die Gegenwart schauen. Sie haben die Organisation in einer Zeit übernommen, in der die globale Gesundheit massiv unter Druck steht. Auch wenn Ärzte ohne Grenzen nicht direkt von den Mittelkürzungen der USA und anderer Länder betroffen ist, weil sich die Organisation über private Spenden finanziert: Wie sehr spüren auch Sie die Auswirkungen der Kürzungen?
Wir arbeiten in einem Gesundheitsökosystem, in dem wir auf andere Agenturen oder Organisationen angewiesen sind. Wenn bei ihnen Leistungen wegfallen, spüren wir das.
Ein gutes Beispiel ist Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Früher hat es die therapeutische Nahrung für unterernährte Kinder an alle Akteure verteilt, die in diesem Bereich arbeiten – auch an uns. Wir mussten nie dafür bezahlen, jetzt müssen wir es. Dabei sehen wir jetzt mehr Mangelernährung, weil das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen seine Programme reduziert hat. Das heißt, es gibt mehr Bedarf an Hilfe und die kostet uns mehr. Wir sehen Ähnliches auch in anderen Bereichen, bei der sexuellen Gesundheit zum Beispiel oder bei Impfungen.
Wie reagieren Sie darauf?
Es ist klar, dass wir nicht alle Bedürfnisse erfüllen können. Wir können die Lücke, die die Regierungen hinterlassen haben, nicht schließen. Also müssen wir Prioritäten setzen, Strategien entwickeln, verstehen, wer die Schwächsten unter den Schwachen sind, und uns auf sie konzentrieren. Das stellt uns immer wieder vor logistische, finanzielle und auch ethische Herausforderungen.
Sie haben es auch mit politischen Herausforderungen zu tun. Israel hat die Regelungen für Hilfsorganisationen in einer Weise geändert, die Ihre Organisation nicht akzeptiert …
Israel hat neue Vorschriften zur Registrierung von Hilfsorganisationen eingeführt, die uns Schwierigkeiten bereiten. Unter anderem verlangt Israel jetzt, dass wir sensible Daten über unsere palästinensischen Mitarbeiter offenlegen und nichts unternehmen, das Israel delegitimieren würde. Das lässt Raum für Interpretationen. Das könnte sich womöglich auch auf unsere Kommunikation beziehen. Wir könnten dann unsere Stimme nicht mehr erheben. Wir haben über Monate hinweg mehrfach versucht, mit Israel zu verhandeln, und sind dabei nie zum Ziel gekommen.
Und nun?
Seit 1. Januar lässt Israel keine unserer Hilfslieferungen und keine unserer internationalen Helfer mehr ins Land. Wir arbeiten jetzt nur noch mit palästinensischen Mitarbeitern. Und wir sehen kritische Engpässe bei medizinischem Material.
Wie wirkt sich das aus?
Ärzte ohne Grenzen betreute 2025 noch jedes fünfte Spitalbett und begleitete jede dritte Geburt. Das alles gerät in Gefahr. Manche Leistungen mussten wir schon einschränken. Wir können keine neuen Patienten mit typischen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes mehr aufnehmen.
Probleme haben wir auch bei der Versorgung von Brandwunden. Wir haben fast keine sterilen Verbände mehr. Wir müssen die Verbände jetzt seltener wechseln. Und wir mussten beginnen, nicht sterile Gaze selbst zu sterilisieren. Das bedeutet, dass auch die Sterilisationsmittel knapp werden. Es kommt zu Dominoeffekten. Das alles führt zu schlechterer Versorgung der Patienten, zu mehr Infektionen, mehr Schmerzen, längerer Heilungsdauer. Das ist überhaupt nicht gut.
Es gibt vieles, das gerade nicht gut läuft. Was belastet Sie besonders?
Wir erleben gerade eine Zeit, in der die Welt zunehmend zerrissen wirkt und in der das humanitäre Völkerrecht wie auch das Völkerrecht immer mehr missachtet zu werden scheinen. Und was am beunruhigendsten ist: Man sieht, dass die traditionellen Verfechter des Rechts, ich nenne hier die USA und die EU, die Durchsetzung des Rechts selektiv handhaben, je nachdem, wer es bricht. Ein Beispiel ist Israel.
Das hat Folgen: Wenn etwa das Gesetz bei Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen in einem bestimmten Kontext nicht durchgesetzt wird, sieht man mehr Angriffe auch in anderen Situationen. Im Sudan haben beide Seiten in den letzten drei Wochen Krankenhäuser angegriffen. Wir sehen, dass Kliniken in Libanon angegriffen werden. Wir sehen Angriffe auf zivile Infrastruktur in Iran.
Es fühlt sich so an, als wäre jetzt ein Punkt erreicht, an dem Kriege ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung geführt werden. Das ist also, was ich sagen würde: Das humanitäre Völkerrecht muss weiterhin etwas bedeuten. Wir fordern, dass Gesetze, die ja aus einem Grund da sind, respektiert werden.
