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ADHS-Medikament Ritalin:Welche Rolle spielen die Eltern?

Warum unternehmen Sie dann trotzdem solche Eingriffe in die Persönlichkeit kleiner Menschen?

Unbehandelt führt ADHS sehr oft zu Misserfolg in der Schule, schlechteren, der Begabung nicht entsprechenden Noten, zu sozialer Isolation und zu erheblichen familiären Belastungen. Manche ADHS-Kinder sind kaum auszuhalten, die ganze Familie droht dadurch vor die Hunde zu gehen. Dann wäre der Verzicht auf Ritalin oder vergleichbare Präparate schlicht unterlassene Hilfeleistung. Wissenschaftlich gut abgesicherten Studien zufolge haben übrigens 30 Prozent aller Insassen in den Jugendgefängnissen ein unbehandeltes ADHS.

Weshalb wird ADHS so häufig diagnostiziert? Sind Kinder heutzutage von Reizen überflutet, weil sie nicht mehr wie früher den ganzen Tag draußen spielen?

Da ist sicherlich etwas Wahres dran. Es gibt eine genetische Veranlagung für ADHS. Aber seine Entstehung ist auch von weiteren Einflüssen abhängig.

Welche Rolle spielen dabei die Eltern? Haben die zu wenig Zeit für ihre Kinder - gerade wenn beide berufstätig sind?

Es wird den allermeisten Eltern großes Unrecht getan, wenn man ihnen unterstellt, Ritalin zu geben, weil die Kinder ihren Ansprüchen nicht genügen oder sie keine Geduld für die Kinder aufbringen. Zugleich ist es schon richtig: Jede psychiatrische Diagnose ist von der Umgebung abhängig. Auf einem Bauernhof mag ein hyperaktives Kind zurechtkommen, ohne dass sich jemand übermäßig an ihm stört; in der Großstadt fällt es vielleicht zu sehr aus dem Rahmen. Es ist aber nicht so, dass es das Syndrom früher nicht gab.

Offenbar tritt ADHS häufiger in sozial schwachen Familien auf.

Nein, sozial schwächere Familien sind nicht häufiger betroffen als gut situierte Familien. Sie haben nur weniger Kompensationsmöglichkeiten. Wer Geld hat, sorgt für einen Nachhilfelehrer und vielleicht für einen Hauspsychologen. Viele begüterte Familien schicken ihre schwierigen Kinder auch auf Privatschulen. In England haben Internate diese Marktlücke entdeckt und bieten zu Preisen von monatlich 2500 Euro und mehr an, was das deutsche Schulsystem nicht schafft.

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