Süddeutsche Zeitung

ADHS-Diagnostik:"Entscheidend ist der Leidensdruck"

ADHS ist eine Diagnose, die viele fürchten, manche herbeisehnen - und die oft Skepsis umgibt. Können sich Eltern auf das verlassen, was Psychiater aus ihren Tests herauslesen?

Von Berit Uhlmann

Nie konnte er stillsitzen oder sich für etwas interessieren, dass länger als zehn Minuten dauerte. Dennoch verging ein Jahr, bis feststand, dass der Junge an ADHS litt. Lange wurden seine Verhaltensauffälligkeiten ihr angelastet, erzählt seine Mutter, Rosa F.. Da wurden Erziehungsprobleme als Ursache vermutet und verschlimmerten, was ohnehin schon unerträglich an ihr nagte: "das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein".

Lennart K. bekam mit elf Jahren die Diagnose ADHS, und ihn treibt noch als Erwachsener um, dass das - so wurde es ihm zumindest später gesagt - mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fehleinschätzung war. "Da haben Eltern mit ihrem Kind ein Problem und gehen zum Psychologen", erklärt er sich solche Fehleinschätzungen: "Dieser erläutert den Eltern die Symptome für ADHS. Diese stimmen auch zu 70 bis 80 Prozent überein. Die restlichen 20 bis 30 Prozent werden in psychologischen Einzelgesprächen so lange heraufbeschworen, bis sie da sind."

Zwei Schicksale - eine Angst: dass ADHS eine Diagnose ist, die von Suggestion, Wertvorstellungen der Umgebung oder schlicht Zufällen geprägt ist. Es gibt sicher auch falsche Diagnosen, dennoch: Prinzipiell kann die Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperatkivitätsstörung zuverlässig diagnostiziert werden, sagt Adam Alfred, Kinder- und Jugendpsychiater am ADHS-Zentrum in München-Neuhausen: "Ein Experte kann ADHS mit einer Sicherheit von mindestens 90 Prozent erkennen." Die restlichen zehn Prozent gehen meist auf Kinder zurück, deren Symptome weniger deutlich ausgeprägt sind und die deshalb erst noch beobachtet werden.

Auch die häufig geäußerte Befürchtung, dass Eltern ihre Kinder zunehmend in die Diagnose hineindrängen, dass sie sie als Ausrede für familiäre Probleme benutzen oder gar mit Ritalin einen unruhigen Sohn lediglich ruhigstellen wollen, kann der Arzt nicht bestätigen. Ein Fachmann würde so etwas erkennen.

"Viele Eltern warten zu lange mit der Beratung"

"Das Problem ist eher, dass es noch immer viele Eltern gibt, die zu lange mit der Beratung warten", sagt Alfred. Dies kann die Therapie erschweren. Ein acht- bis zwölfjähriges Kind lässt sich viel einfacher behandeln als ein Pubertierender, dessen Symptome sich bereits verfestigt haben und der grundsätzlich eine Oppositionshaltung einnimmt - auch gegen Ärzte und Psychologen.

Die meisten Ärzte diagnostizieren die Erkrankung bei Kindern, die mindestens sechs Jahre alt sind. Auch in früherem Alter kann die ADHS-Symptomatik schon auftreten, aber bei Jüngeren sind die Unsicherheiten größer: Ist das Kind nur ein Spätentwickler oder krank? Ist es einfach nur sehr lebhaft oder hyperaktiv?

Solche Grauzonen, wie Alfred sie nennt, kennen viele Eltern. Da unkt der Nachbar, mit dem wilden Jungen stimme was nicht. Oder während einer Vorsorgeuntersuchung eines unkooperativen Kindes fällt das Wort "Zappelphilipp". "Solche Bemerkungen haben nichts mit einer vernünftigen Diagnostik zu tun", sagt Adam Alfred.

Die Schule mit ins Boot holen?

Er rät Eltern, die Schwierigkeiten bei Ihrem Kind entdecken, zunächst mit Lehrern oder Erziehern zu sprechen. Wenn auch sie die Beobachtungen bestätigen, sollte die Familie einen Experten konsultieren. Das sind in erster Linie Kinder- und Jugendpsychiater, Psychologen und spezialisierte Kinderärzte. Selbsthilfe-Organisationen wie ADHS-Deutschland können Spezialisten nennen.

Der Arzt sollte sich etwa drei bis fünf Stunden Zeit für die Diagnostik nehmen, sagt Alfred. Er wird eine Reihe von Tests vornehmen: Unter anderem prüft er das Hör- und Sehvermögen, die Intelligenz, die Konzentration und Fähigkeiten wie Lesen und Rechnen, um andere Störungen oder Schwächen auszuschließen. (Mehr zu den Symptomen und Ausschlusskriterien lesen Sie hier).

Und er wird nicht nur Eltern und Kind, sondern nach Möglichkeit auch Lehrer oder Erzieher befragen. Für Nichtbetroffene mag dies bedenklich klingen: Die Schule da mit reinziehen? Welche Nachteile kann dies haben? Alfred hat jedoch beobachtet, dass Eltern von ADHS-Kindern meist keine Schwierigkeiten haben, Lehrer um ihre Einschätzung zu fragen. Betroffene Familien brauchen möglichst viel Hilfe und Verständnis. Und die Lehrer von Anfang an mit ins Boot zu holen, kann dazu beitragen.

Auch Rosa F. hat erfahren, wie wichtig jede Unterstützung ist. Ihr Lebensgefährte kam mit dem unruhigen Kind nicht zurecht, ihre Familie distanzierte sich. Sie musste zwischenzeitlich - am Ende ihrer Kraft - eine Auszeit in einer Klinik nehmen.

Wer mit ADHS-Patienten zu tun hat, kennt solche Entwicklungen. Und so lassen sich Ärzte und Psychologen wesentlich von dieser Frage leiten: "Wie stark ist der Leidensdruck der Familie?", erläutert Alfred. "Kommt sie alles in allem gut mit Verhaltensauffälligkeiten des Kindes zurecht, warten wir mit der Diagnose oft noch ab." Wird das Kind dagegen zum Außenseiter, ist seine Entwicklung gefährdet oder gerät die Familie an ihre Belastungsgrenzen, braucht sie schnelle Hilfe.

Ein erster und wesentlicher Teil dabei ist die Aufklärung. Es kann für Eltern enorm erleichternd sein, zu verstehen, dass nicht persönliches Versagen zu den Schwierigkeiten ihres Kindes führt, sondern, wie Rosa F. es ausdrückt: dass "unsere Kinder einfach anders sehen, denken und handeln".

(Die Namen der Betroffenen sind geändert, der Redaktion aber bekannt).

Mehr über Symptome, medikamenöse und nichtmedikamentöse Behandlungen lesen Sie in unserem Ratgeber ADHS.

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